Was Dahlia und ich zuvor gesagt haben.
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Dahlia sagt:
Da war etwas gewesen mit Rodeck, zwischen den Kissen und seinen Gedanken, die ins Irgendwo gingen, ich weiß ja nicht, warum er sooft abwesend erschien.
Wie sie am Straßenrand steht und den vorbeifahrenden Wagen zusieht. Wann kommt ein Taxi? Man hatte ihr gesagt, dass mit ihm etwas nicht richtig gewesen sei. Das ist falsch, sie weiß es. Das Erinnern fällt ihr mit der fortschreitenden Zeit schwerer.
Dahlia schwieg. „Wissen sie, mit Rodeck war es nicht einfach“, hatte ich zur ihr gesagt.
Rodeck, mein lieber Rodeck, du junges Pferd, du warst doch ein Moment, ein Guter, ein Schöner.
Wie er sie lange zuvor malte, mit Worten, als er an seinem Schreibtisch saß und versuchte, in ihr Inneres zu dringen. „Du hast nur vierzig Minuten geschlafen“, sagte sie dann besorgt und strich ihm liebevoll über sein schwarzes, dichtes Haar.
„Warum haben sie sich von ihm wegbewegt, Dahlia? Er hätte sie doch gebraucht.“ Weil er mir zu nahe gekommen ist. Weil es schmerzte. Weil er weiter ging, als es vereinbart war. Als könnte man so etwas vereinbaren. Aber sie schwieg. „Sie möchten nicht darüber sprechen? Gut. Sprechen wir über etwas Anderes“, sagte ich. Dahlia hatte geschwiegen, gewusst, dass sie nichts Neues erfahren würde. Aber sie begann zu erzählen, Rodeck, dessen Haar bald grau geworden wäre, er sei immer sanft gewesen, ein Träumer, einer, der vor einer Schaufensterauslage stehen bleiben konnte und sich in ihrer Konstruktion verlor, nicht in den Dingen, die dort lagen, aber in ihrer Anordnung. „Sieh mal, erkennst du das Muster, fragte er sie, aber sie konnte nichts erkennen, nur Brillen, die dort auslagen. „Na es ist eine einzige große Brille, als würden sie dir sagen wollen, setz diese Brille auf, und du wirst sehen. Konkrete Poesie, Dahlia, konkrete Poesie“. Sie lachte, „Ach Rodeck, du Träumer“ und er griff hastig nach ihrem Arm, als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war, sein Griff war schmerzhaft gewesen. „Wie haben sie ihn denn kennen gelernt“, sagte die Stimme. Dahlia schrak auf, „er stand einfach vor mir, aus dem Nichts und sagte, darf ich mich setzen und dann, ob ich Feuer hätte und er sagte noch, „ich bin Rodeck“ und ich gab ihm Feuer, seine Augen, wissen sie, seine Augen, es war etwas in ihnen, wie eine Mauer, eine Mauer, von der ich wissen wollte was dahinter lag, er fragte mich, ob ich mit ihm ausgehen würde, natürlich habe ich ja gesagt“ – „Was passierte dann? Hatten sie keine Angst, etwas zu finden?“ – „Nein, wieso sollte ich Angst gehabt haben?“ – „na hinter der Mauer, es ist immer etwas dahinter, wissen sie, aber ob es das ist, was man sucht?“ Sie wusste noch, dass er zu ihr an einem Sonntagmorgen sagte, „Ich mag deine langen Augen. In ihnen kann ich mich verlieren, mich verträumen“ oder schrieb er das später und ließ den Zettel wie zufällig auf dem Tisch liegen? An diesem Sonntagmorgen war sie schläfrig gewesen und es wäre nicht wichtig, wenn es diesen Sonntagmorgen nicht gegeben hätte, die fehlenden Alcaselzer im Haus und seine Unruhe, als sie in die Wanne stieg, sie hörte ihn vor dem Bad auf und ab laufen, dann später, ich gehe nach draußen, Zigaretten kaufen, er ging zu weit, es dauerte, bis er zurückkam. Sie schlief und hörte das Läuten zuerst nicht, wieso läutete er denn eigentlich, er hatte doch einen Schlüssel und widerwillig war sie aus seinem Bett gekrochen, ihre nackten Füße berührten das kühle Parkett, sie fröstelte. Hinter der Tür hörte sie ihn leise sagen, Dahlia, Dahlia. Sein Gesicht war blutig, er machte noch zwei Schritte und fiel hin.
Danach war der flackernde Blick gekommen, „nein, ich weiß es genau, ich hatte keine Angst“, sagte sie zu der Stimme, „aber erzählen sie mir doch, was mit ihm passiert ist. Ich bitte sie“, ich ließ meine Worte noch einen Moment nachhallen, dann schwieg ich. Wusste, Dahlia log. Natürlich war die Angst gekommen, als Rodeck eines Nachts neben ihr wach lag, wie lange mochte er schon so gelegen haben, fragte sie sich später und als sie die Augen aufschlug, sah er sie direkt an und sie sagte“ Rodeck, dein Blick ist flackernd, du machst mir Angst“, am Tag zuvor fand sie in seinem Bücherschrank Verbrechen und Strafe, am nächsten Morgen würde sie ihm in die Küche hinterher rufen, Rodeck, bist du glücklich? Wenige Stunden danach, ich liebe dich nicht, da log sie ebenfalls. Aber der flackernde Blick machte ihr Angst, lass uns ausgehen, sagte sie eine Woche darauf und in der Nacht blieb sie einfach weg, erinnerte sie sich und dann…
„Sie liebten ihn, nicht wahr?“
„Ja. Das tat ich“
„Wissen sie, er hat sie am Ende vergessen.“
„Das ist nicht wahr!“
„Lesen sie keine Zeitung? Es steht geschrieben.“
„Weshalb sollte ich? Ich weiß, was passierte“ Sie stand auf, warf mir die vereinbarte Bezahlung auf den Tisch und verließ das Gebäude. Draußen an der Straße, jemand anders muss her, der ihr die Wahrheit erzählen wird, denkt Dahlia. Sie winkt einem Taxi, es fährt weiter. Sie flucht.
Ich sage (weil ich es besser weiß):
Rodeck träumt II.
Als sie danach ihre Augen öffnete, lächelte sie ihn an, du bist prosopopöietisch, weißt du? Ja, das bist du…
Er hatte nicht den blassesten Schimmer wovon sie sprach.
Ich habe gestern Nacht, als du schon schliefst ein neues Wort gelernt, plapperte sie vergnügt weiter, Rodeck betrachtete ihr Gesicht, ihre feinporige, weiche Haut, deren Geruch er verfallen war, wenn du es nicht weißt, schlag es gefälligst nach, aber es würde mich wundern, wie kann ein Mann, sie betonte das Wort Mann besonders, wie du das nicht wissen, neckte sie ihn. Er schüttelte den Kopf, ich kenne dieses Wort nicht und ihre Augen – wie immer, wenn sie einen großartigen Höhepunkt gehabt hatte. Sie lag dann eng an ihn geschmiegt, oft rieb sie sich noch ein bisschen an ihm, langsam, erhitzt, als wollte sie noch das letzte bisschen Lust in ihrem Körper aufnehmen, darin festhalten. Sie fragte ihn oft, wie war es für dich, hast du es genossen und er glaubte, ein bisschen verspürte sie Mitleid mit ihm, weil es für ihn immer nur wenige Sekunden dauern konnte, aber das nur Gerechtigkeit, Rodeck, Gerechtigkeit muss sein, feixte sie jedes Mal, mit ihren jungen Augen. Er wünschte, er könnte solche Augen haben, sie könnten sich verwandeln, die Falten in seinem Gesicht, die für die sie mit ihren Fingerspitzen zärtliche Worte fand.
Wenn sie ihn fragte, wie es gewesen sei, küsste er sie zärtlich und legte Sanftmut in seine Stimme, es war wunderschön, manchmal sagte er auch, es wäre geil gewesen.
Sie hielt sein Gesicht in ihren Händen, presste es ein bisschen zusammen, biss ihn in die Unterlippe und saugte an seiner Zungenspitze, plapperte unsinniges Zeug dabei und war glücklich. Also, was heißt propo… ich kann es nicht mal aussprechen.
Mache mittelbar abwesende Figuren zu unmittelbar anwesenden, handelnden und sprechenden Akteuren, sagte sie altklug. Er zuckte mit den Schultern, komm schon, zur Maske, zur Person machen, heißt das, stell dich nicht so an, ach Rodeck, sagte sie strafend, ich stell mich nicht an, aber alles kann ich nicht wissen, schmollte er. Sei nicht gleich beleidigt, mein kleiner Junge, aber er schämte sich, für seine Unwissenheit, wie viel unentdecktes Land würde noch auf ihn warten, Land, von dem er nicht einmal wusste, dass es existierte. Bist du glücklich fragte er sie, wieder einmal. Er wusste, dass er diese Frage zu oft stellte, aber er musste es hören, wenigstens ein paar Mal, mehr als er es schon gehört hatte. Manchmal, das weißt du ja, sagte sie. Ich meine, bist du jetzt glücklich? Anstatt zu antworten, lächelte sie ihn mysteriös an und sprang aus dem Bett. Ich muss ins Bad, damit ließ sie ihn allein. Ihr Lächeln könnte alles heißen, alles meinen und war sie nun wirklich so scheu, wie sie vorgab zu sein, zu scheu, mit ihm über ihre Gefühle zu sprechen, sinnierte Rodeck, oder?
Er hörte, wie sie das Wasser in die alte gusseiserne Wanne laufen ließ. Diese Wanne hatte einer anderen für ihn wunderbaren Frau gehört, schwere große Krallen stellten die Füße dar und um den Wasserhahn hatte sich eine kleine Schar Wasserspeier gruppiert. Wenn er an seine Großmutter zurückdachte, dann fiel ihm zuerst ihr dichtes weißes Haar ein, dann, dass sie in dieser Wanne gestorben war. Man hatte sie darin gefunden, sie war nicht lange tot, und es war kein Problem gewesen, den Gedanken zu verdrängen, dass seine Großmutter Clara in dem für ihn damals riesig erscheinenden Eisenkessel gestorben war, ihre Hand umklammerte noch ein kleines silbernes Kettchen. Rodeck seufzte. Werft die Wanne nicht weg, hatte er geweint, werft sie nicht weg, bitte, auch wenn sie darin gestorben ist, bitte, er hatte sich an seine Mutter geklammert, die, tränenüberströmt den Jungen noch enger an sich herangezogen hatte, ach Junge, was soll denn das, wir können dieses unglückselige Ungetüm nicht behalten, versteh doch. Aber er hatte geweint und geschrieen, gebettelt und gefleht, bis seine Mutter resignierend genickt hatte. Die Wanne muss weg, konnte er seinen Vater flüstern hören, wir stellen sie erstmal in den Keller, wisperte seine Mutter zurück. Sie muss weg, wiederholte der Vater und Rodeck hielt still, kam die Wanne in den Keller, würde sie eines Tages ihm gehören. Er würde sie nicht wegwerfen, selbst wenn sie das Grab seiner Großmutter darstellen sollte, er hatte es geliebt, darin gebadet zu werden und niemand kannte die Namen der vier kleinen Wasserspeier außer ihm. Vielleicht würde er sie eines Tages Dahlia erzählen, ihre Namen und die Geschichten weitergeben, die er von ihnen bekommen hatte, blubbernd und plätschernd, leise und anschwellend, bis sie irgendwann erstarben. Im Keller konnten sie ihm nichts mehr erzählen, aber wie Rodeck gehofft hatte, vergaßen seine Eltern nach einiger Zeit, dass hinten im größten Raum unter grobem Leinen noch die Wanne von Vaters Mutter stand. Die erste Zeit schlich er sich heimlich hinunter und legte sich hinein, manchmal konnte er seine Eltern nach ihm suchen hören, er konnte hören, wie sie ihn riefen. Angst, Großmutters Geist zu begegnen, hatte er keine. Irgendwann hörte er damit auf, als er eines Tages gealtert nach Hause kam, sagte er nur, ich nehme die Wanne mit und an den anfangs überraschten und ahnungslosen Gesichtern seiner ebenfalls gealterten Eltern konnte er ablesen, dass sie wirklich vergessen hatten, was dort im Keller Jahre auf ihn gewartet hatte. Einen Tag später hatten Männer den Koloss abgeholt und Rodeck saß auf der Veranda, neben seinem Vater, was ist damals eigentlich genau passiert, aber der schwieg. Ich will es wissen, Papa, was ist damals genau passiert, hakte er nach. Sie hat sich wahrscheinlich umgebracht, antwortete sein Vater müde, das Gesicht mit der Hand verdeckt, man konnte ihn kaum verstehen. Warum? Weshalb? Sie starb, wie auch immer, mein Sohn. Sie hat etwas gemacht, verstehst du. Langsam erhob sich sein Vater und kam kurz darauf mit einem vergilbten Bündel Briefe und ein paar in Leder gebundenen Büchern in seinen Händen zurück. Das haben wir gefunden, später. Lies es, wenn du willst. Vielleicht wirst du es besser verstehen, als ich es je konnte. Mehr sagte er nicht. Rodeck erinnerte sich, dass weder sein Vater, noch seine Mutter, noch einer der anderen Verwandten geweint hatte, als sie den Sarg in die Erde ließen. Nur er, der kleine Junge hatte eine Blume hinterher geworfen, als könnte er nicht begreifen, dass diese schlanke, weißhaarige Dame, die ihm nichts anderes als Liebe gegeben hatte, plötzlich nie mehr anwesend sein würde. Nur er hatte geweint, eine seiner Tanten hatte im Vorbeigehen noch gesagt, er sei noch zu klein, um es zu verstehen. Als Rodeck an jenem Tag nach Hause gefahren war, legte er die Briefe auf seinen Schreibtisch. Ging in die Küche, kochte Kaffee. Zündete sich eine Zigarette an und öffnete langsam den ersten Brief. Für Clara, stand in einer sauberen, fein geschwungenen Schrift auf dem Umschlag. Es war nur eine Seite und als Rodeck geendet hatte, stand er auf. Umrundete den frei stehenden Schreibtisch, griff nach dem alten Blatt, das angefangen hatte, ihm eine Geschichte zu erzählen und las erneut,
Meine liebste Clara,
ich weiß, es ist falsch, Dir zu schreiben. Es ist falsch, Dich zu sehen.
Es ist falsch, an Dich zu denken. Es ist falsch, Dir je begegnet zu sein.
Lass mich erklären, bevor Du aufhörst zu lesen, lass mich erklären.
Ich bitte Dich.
Wie könnte ich Dich je vergessen, als Du vor mir im Park spazieren gingst,
Deine Anmut und Sanftheit ließ mich schwindeln, dann als stehen bliebst,
wie hätte ich an Dir vorübergehen können, Du hättest das Pochen meines
Herzens gehört.
Wie könnte ich den Moment vergessen, als wir wenig später im Cafe aufeinander trafen, ach Clara, wie könnte ich Deinen fragenden und wissenden
Blick vergessen, als er den meinen streifte? Kanntest Du mich denn nicht mehr?
Wolltest Du mich
denn nicht mehr
kennen?
Ich bitte Dich, antworte mir, ich vergehe.
In Sehnsucht,
E.
Wer war E., hatte sich Rodeck damals gefragt.
E, wer immer das auch sein mochte, besaß Grazie, eine Aura, etwas Besonderes eben. Eine Schrift wie jene hatte Rodeck selten gesehen und er beschloss, entgegen dem ersten Impuls, der sich in ihm regte, nur aus dem ganzen Bündel nur einen Brief pro Tag zu lesen. Liebend gern wäre er zurück an den Schreibtisch gestürzt und hätte einen nach dem anderen in sich aufgesogen. Fest stand auch, dass seine Großmutter jemand geliebt hatte, oder zumindest von jemand geliebt worden war. Und der Name seines Großvaters hatte nicht mit E begonnen.
….
usw. usf.