Weil Du unruhig schläfst und nach dem Erwachen Traum und Wirklichkeit nicht voneinander zu trennen vermagst – Protokoll einer möglichen Nacht:
… Lolita, wie sie gedacht, als man von ihrer (falschen) Göttlichkeit das erste Mal las; Lolita, wie sie eines Tages tatsächlich vor Dir steht: in einem schwarz weißen Ringelshirt, der Lippenstift schon leicht verschmiert, alles Teil eines bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Outfits – auch die Zigarette unverschämt zwischen ihre Lippen geklemmt. Wer weiß schon, was daran echt ist? Ihr Alter? Ihre Haare, fransig und ein Blick, der für gewöhnlich Jahre benötigt, bis er auf diese Weise passiert? Ein Blick von dem Du nicht weißt, wohin er dich führen wird. Bis Du die Falten im Augenwinkel bemerkst, die unter ihrer Schminke verborgen, ein kleines Stück Wahrheit in sich bergen.
… vom DJ-Pult aus gesehen erhält die Welt auf diesen 125 qm eine neue Bedeutung: das DJ-Pult, die Priesterkanzel unserer Zeit und egal, was Du Ihnen auch predigen wirst, sie werden es glauben, während sie sich hingeben. Dir, der Musik und ihrem Glauben. Dann wirst Du dort stehen, während halbgare Groupies einen Shot nach dem anderen bringen, um mit Dir ihre heilige Messe zu zelebrieren, dir einen Arm um den Hals legen, einen verschämten Kuss auf deine Wange drücken; oder wenn ihr Mut halbgar erwachsen, eine Hand an deinen Hintern gelegt, dir ihre Zunge tief in den Hals schieben. Du lässt es geschehen; da auch alten Götter wussten, dass man Opfergaben nicht ablehnt, wenn der Glauben der Menschenkinder unerschütterlich gehalten werden will. Lolita, wie sie die vier Stufen nach oben, die Klapptür ins Allerheiligste aufstößt und dir um den Hals fällt, gut sichtbar für all jene, die nicht an ihrem Platz sein können, während Du daran denkst, in etwa einer Minute und zwanzig Sekunden den nächsten Song zu spielen; bleiben ihr siebzig Sekunden, in denen sie an Deiner Seite für ihre Unvergesslichkeit sorgen kann.
… you are, what you drink, motherfucker, sagt sie dann, als sie neben Dir an der Bar steht: Who the fuck, are you then? Zeit, die immer vergeht und Jahre, die einen nicht jünger werden lassen; kaschiert aber grandios daran gescheitert, weil irgendwann die Fähigkeit verloren geht, mit einer anderen Generation mitzuhalten.
- Cheers, Fucker!
- Nenn mich nicht Fucker. Ich könnte das als Einladung verstehen.
- Was?
- Noch einen?
- Natürlich. Darum stehen wir doch hier, oder?
Sie will sehen, ob Du trinken kannst und Du willst sehen, wie weit sie gehen wird. Wie sie lacht, weil Du angewidert Dein Gesicht verziehst, Tequila trinkst Du nicht mehr, seit Du Dir damit den Magen verdorben hast.
- Trinken für Erwachsene, Fucker!
Sie, die sich die Zitronenscheibe zwischen ihre Lippen klemmt, du weißt, dass Du nicht ablehnen wirst. Sie, die ihren Blick verschleiert und Du, der nicht nur in die Frucht beißt, sondern auch ein wenig in ihre Lippen. Sie, die nicht zurückweicht, sondern geduldig zulässt, dass du saugst, bis du den letzten Tropfen gekostet hast. Weil die Gier dich übermannt und sie, die sich Salz an ihre Lippen tupft, dich verschämt erst, hungrig dann küsst. Sie, die ihren Tequila kippt, um anschließend sofort in der Menge zu verschwinden. Du, der auf seine Kanzel zurückkehrt, der nächste Song ist nur für sie.
… für eine kurze Zeitspanne noch bist Du da, wo Du immer sein wolltest. Und dennoch schon auf dem Sprung, mit einem Bein bereits weit weg, träumst Du doch davon, eines Tages eine Familie zu haben und Kinder und jedes kleine Quantum Spießigkeit, das Deine andere Hälfte für undenkbar hält. Du sehnst dich nach einem geregelten Leben, während Du bis zum bitteren Morgen Deine Jugend festzuhalten versuchst. Dass es mehr als ein paar Stunden dauern wird, bis Du Dich wieder als Mensch fühlst, hat keine Bedeutung jetzt – nicht, wenn Du allein in deinem Bett liegst und Dich fast, aber nur fast fragst, warum eigentlich?
… erwacht und ausgeträumt und ausgekatert.
Nur, am Ende gilt: If you go for it, you go for it.