Was Dahlia und ich zuvor gesagt haben.
Dahlia sagt:
Nachdem ich von Rodeck weg bin, ging es mir schlecht. Sehr schlecht. Aber wenn, (Dahlia legt an dieser Stelle eine Pause ein, sie scheint nachzudenken, ihr Blick leert sich und ihre Nase kräuselt sich in kleinen Falten, oben, an der Wurzel), wenn … Schlecht das Gegenteil von Gut ist, dann weiß ich, dass irgendwann das Gute zurückkommen muss. nicht ständig, aber oft, treibt mein ich zu ihm, und ich stemme mich dagegen, gegen diesen treibenden Strom, damit ich nicht ertrinke.
Ich sage, weil ich es besser weiß: rodeck träumt.
Endlich weiß ich woher Dahlia kam. Wie ich sie kennen gelernt habe. An einem Mittwochmorgen erwachte ich. Die Sonne blendete mich ein wenig, sagte Rodeck, und ich spürte, dass es ein besonderer Tag werden würde. Ich bin aufgestanden und durch die Straßen der Stadt gelaufen, wusste nicht, was auf mich warten würde. Ich ging in ein Cafe. Als ich es betrat, fing ich von einem Tisch links von der Tür einen Blick aus langen braunen Augen. Äußerlich blieb ich ruhig, aber innerlich war ich bereits völlig aufgewühlt. Ich bestellte und dann ging ich zu diesem Tisch. Ich fragte, ob ich mich setzen dürfte und meine Stimme war fest. Die langen braunen Augen nickten. Meine nächste Frage schien wie von selbst geboren zu werden, ob ich Feuer haben könnte? Die langen braunen Augen wandten sich mir zu, ruhten auf mir und ich genoss das Gefühl betrachtet zu werden, sagte Rodeck. Sie betrachteten mich, wie man in einem Museum ein Bild betrachtete, eine Statue, eine Büste, ein Kunstwerk. Der Andere nickte. Was geschah dann, fragte er. Dann griff sie mit ihrer Hand nach einem Feuerzeug, in ihre Handtasche, und zündete mir meine Zigarette an. Der Moment, in dem sie diese Bewegung vollbrachte, war ein Moment perfekter Schönheit, denn sie hatte das Feuerzeug nicht einfach auf den Tisch gelegt, wie es viele andere getan hätten, nein, ihre Hand war auf mich zugekommen, signalisierte mir, dass sie geben wollte. Rodeck hielt einen Moment inne. Dann, nachdem ich an meiner Zigarette gezogen hatte, sagte ich, „ich bin Rodeck“ und dann weiter, „Wollen wir zusammen ein Bier trinken gehen?“ und im selben Moment, in dem ich es gesagt hatte, da wusste ich, dass ich nichts Banaleres hätte sagen können, aber wieder hatten die langen braunen Augen genickt.
Zwei Tage später trafen wir uns dann. Abends, vor einem der Museen. Sie war bereits da, als ich die Wiese zur Treppe am Eingang überquerte. „Ich bin Dahlia“, hatte sie zu mir gesagt, als ich vor ihr stand. Gehen wir in eine Bar, hatte sie vorgeschlagen und ich erwiderte, gern, in welche möchtest du gehen, aber Dahlia blickte mich nur an und wartete darauf, dass etwas geschah. Also nahm ich ihre Hand, und ging mit ihr in eine Bar, von der ich wusste, sie würde ihr gefallen. Woher ich das wusste, fragte ich mich nicht. Ich nahm also ihre Hand und sagte, komm her Dahlia, und sie kam.
Dann erwachte ich eines Morgens, mit einem Kater, fand kein einziges Alcaselzer in meiner Wohnung, und ich weiß auch, dass sie zu mir gesagt hatte, Rodeck, du bist für mich wie ein Snapshot.
Er öffnete die Augen, es war hier an diesem Tisch, hier in diesem Cafe, wo ich sie das erste Mal traf, sagte er zu Dr. Kuros. „Sie haben gerade einen sehr wichtigen Schritt getan“, sagte der Arzt. Rodeck blickte ihn fragend an. „Sie beginnen sich damit auseinander zu setzen, dass sie träumen und wachen und sie beginnen, die Realität wieder ein zu holen, wie ein Fischer seine Netze, verstehen sie?“ Rodeck nickte. Am liebsten hätte er laut aufgelacht, Kuros, du dummer Arzt schrie es in ihm, seit Wochen versuche ich nichts anderes und hetze Straßen entlang, von denen ich glaubte, dass ich dort mit ihr gewesen war. Er hatte ihm noch nicht erzählt, wie er vor dem verschlossenen Tor stand, an dem vielleicht eine Vernissage stattgefunden hatte, an dem letzten Abend, als Dahlia bei ihm gewesen war, er hatte ihm nichts von dem seltsamen Zusammentreffen mit dem Hausmeister erzählt und auch nichts von dem Apfel. „Was meinen sie damit, dass ich mich mit der Realität auseinander setze? Bedeutet das, dass ich Dahlia nie getroffen habe, oder bedeutet das, dass sie tatsächlich in meinem Leben existiert hat?“ fragte er den Arzt.
„Rodeck,“ sagte Kuros, „das bedeutet vor allem, dass sie anfangen, sich wieder zu erinnern. Alles Weitere wird sich mit der Zeit geben, sie werden sehen“. Rodeck traute seinen Worten nicht, dennoch sagte er, „ich hoffe, die Erinnerung wird keine Überraschungen für mich bereithalten“. Er hob die Hand, um der jungen Bedienung zu winken, wir möchten zahlen, sagte er. „Sie müssen mich nicht einladen, Herr Rodeck“, sagte Kuros, aber Rodeck winkte ab, „ich bin ihnen sehr dankbar, für das was sie für mich tun“. In sich wusste er, dass das gelogen war. Ich habe Angst, ich habe wirklich Angst, vor dem, was passieren wird. „Wie sie meinen“, sagte Kuros, wir sehen uns dann in zwei Tagen in meiner Praxis. Vielleicht werden wir noch mehrere dieser Feldversuche unternehmen müssen, um die Fortschritte voranzutreiben. Bis übermorgen möchte ich, dass sie ein wenig für mich schreiben werden. Schreiben sie auf, wie sie Dahlia kennen gelernt haben.“ Aber das habe ich ihnen doch gerade erzählt, sagte Rodeck. Ja das haben sie, antwortete er, aber ich möchte dass sie es nochmals aufschreiben. Es ist wichtig, um ihre Erinnerung zu festigen. Schreiben sie soweit sie wollen. Wir sehen uns dann. Damit erhob er sich und ging. Rodeck blieb zurück, starrte auf die beiden Tassen Kaffee in denen noch ein Rest von Milchschaum hing, „noch einen Milchkaffee bitte“, sagte er, als das junge Mädchen kam, um ihm die Rechnung zu bringen.
„Sie zahlen dann alles zusammen“, fragte sie. Ja, sagte Rodeck, ich zahle dann alles zusammen und die direkte Wiederholung dieses Satzes stach ihn. Aber, ich spreche mit ihr, und selbst wenn ich es nur wiederhole, ich spreche mit ihr und das heißt zugleich auch, dass es real ist. „Sagen sie,“ und das Mädchen drehte sich nochmals um, „Ja“ sie hob fragend eine Augenbraue an, „ich hatte bis gerade eben noch einen anderen Mann hier am Tisch sitzen, oder?“, „Aber natürlich lachte sie, er geht dort drüben, sie zeigte aus dem Fenster und tatsächlich ging dort, auf der anderen Seite der Straße ein Mann. „Gut, danke“, sagte Rodeck. Dass das Mädchen im Gehen leicht den Kopf schüttelte und sich vermutlich fragte, was für ein merkwürdiger Mensch er denn sei, störte ihn nicht. Ich fange wieder an, zu leben, und dieses Hochgefühl war so stark, dass Rodeck nicht anders konnte, als zu lächeln. Eigentlich möchte ich tanzen gehen, lange Wege im Park zurücklegen und dabei feststellen, dass alles, was ich sehe, tatsächlich und wahr ist. Echt. Er trank seinen zweiten Kaffee schnell, verbrannte sich leicht die Zunge daran, aber der Schmerz störte ihn nicht. Mit weit ausholenden Schritten ging er nach Hause zurück, ich werde Kuros alles aufschreiben, und wieder ein bisschen weiterkommen, ein wenig mehr zurückbekommen, im Inneren war er froh.
nicht ständig aber oft, treibt mein ich zu dir.
Als Rodeck den Schlüssel ins Schloss schob, um die Tür zu öffnen, ahnte er noch nichts davon, dass sein Hochgefühl sich gleich ins absolute Gegenteil verkehren würde. Er ging hinein, gerade auf seinen Schreibtisch zu. Mit einer Handbewegung fegte er einen Stapel Blätter beiseite, die Seiten flatterten noch kurz in der Luft, bevor sie auf den Boden fielen. Dann griff er nach der Mappe, in der er leeres Papier aufbewahrte. Eine weiße Seite vor ihm. Er nahm einen Stift, schraubte die Kappe ab, und schrieb sauber und langsam in die Mitte der Seite „Dahlia“. Dann legte er es beiseite und griff nach einem zweiten Blatt. Ein weißes Blatt, schoss es ihm wieder durch den Kopf. Er zögerte. Ein weißes Blatt, wiederholte er laut. Er hatte das doch schon mal gesagt oder nicht? Damals, als sie lesend auf der Couch lag. Oder saß sie auf einem Stuhl und sah ihm zu, wie er schrieb? Damals. Darius. Wer zur Hölle war Darius? Und wieso taucht dieser Name gerade jetzt auf? Darius, schrieb er langsam und sauber in die Mitte der zweiten Seite und legte sie beiseite. Griff nach einem dritten Blatt. Darius und Dahlia schrieb er. Dahlia und Darius, schrieb er darunter. Und wieder, immer wieder, bis er es beiseite legte und nach einem vierten Blatt griff. Kuros möchte, dass ich über Dahlia schreibe, sagte Rodeck vor sich hin, also werde ich genau das tun.
Darius, wer auch immer du sein magst, verschwinde. Lass mich in Ruhe. Dahlia. Er schloß für einen Moment seine Augen, versuchte sich ihr Bild ins Gedächtnis zu rufen, aber außer langen braunen Augen war das nichts. Ist das denn wichtig, Rodeck, fragte er sich selbst. Ist es denn wichtig, ob Dahlia braune Haare hatte, blonde, schwarze, rote, oder etwa gar keine? Ob sie groß oder klein war, dick oder dünn? Ich war durch die Straßen gelaufen, hatte ein paar Geschäfte besucht, aber mich entschieden, nichts zu kaufen, schrieb er. Dann kam ich an ein kleines Eckcafe, das mir bereits vor einigen Tagen aufgefallen war, aber ich hatte keine Zeit gehabt. Diesmal, so entschied ich, wollte ich hineingehen, es musste neu sein, oder ich hatte meinen Blick immer abgewendet, es nie wahrgenommen, denn ich ging an dieser Ecke oft vorbei. Sie lag auf dem Weg zur U-Bahnstation, und wenn ich keinen Umweg machen wollte, dann kam ich eben daran vorbei, aber es war mir zuvor nicht aufgefallen. Als hätte es nicht existiert. Rodeck setzte den Stift ab. Wartete einen kurzen Moment. Ich sehe das Cafe noch deutlich vor mir, sagte er laut. Setzte den Stift wieder aufs Papier und schrieb diesen Satz. Von außen betrachtet, wirkte es ein wenig altmodisch, obwohl die Menschen drinnen alle jung waren. Zumindest diejenigen, die ich sehen konnte. Ich öffnete die Tür, ging hinein und blickte umher. Da saß ein Pärchen, ein Mann mit einem Buch, zwei junge Studentinnen.
Und am Tisch links neben der Tür saßen braune Augen. Lange braune Augen, ich blickte sie an und sie sahen mich. Dann ging ich zur Theke in der Mitte. Ob ich bestellen könnte? Weshalb ich instinktiv dort bestellte, anstatt mich, wie üblich, an einen Tisch zu setzen und dort zu warten, weiß ich nicht. Aber das Mädchen hinterm Tresen meinte nur, natürlich, was ich denn gerne hätte. „Orangensaft und einen Milchkaffee“. Ja ich glaube ich hatte das bestellt, einen Saft und einen Kaffee. Ich bringe es ihnen dann zum Tisch hatte sie gesagt, aber ich antwortete, nicht nötig, ich warte hier. Aber ich hatte nicht vorgehabt, hier stehen zu bleiben, in der Mitte. Nein, ich wollte mit den beiden Getränken zurück zu diesem Tisch links neben der Tür. Ich fragte, darf ich mich setzen und sie sagte ja. Dann fragte ich, kann ich Feuer bekommen und sie gab mir Feuer. Schweigend saßen wir am Tisch, bis ich sagte, gehst du mit mir ein Bier trinken, und, ich bin Rodeck.
Er legte den Stift beiseite. Stand auf und ging umher. Unruhig, denn er begriff nicht, wie ihm das Niederschreiben seiner Erinnerung dabei helfen könnte, dass die fehlenden Stücke zurückkamen. Aber ich vertraue Kuros, er wird wissen, was er tut. An der Wand hingen immer noch die Nägel, er fuhr mit seiner Hand über ihr Metall. Und der Lippenstift stand in seinem Bücherregal. Mahnend und erinnernd. Er musste Dahlia gehört haben. Wieso sollte ich mir auch einen Lippenstift kaufen, fragte er sich. Wenn, dann hatte sie ihn vergessen, oder ich ihn für sie gekauft. Also, schreiben. Und er setzte sich wieder und schrieb alles für Kuros auf. Aber immer wieder wanderte sein Blick auf die leere Fläche an der Wand und ein seltsames Gefühl beschlich ihn. Nimm die Tabletten, glaubte er es in sich zu hören. Nimm sie und du wirst sehen, alles wird sich aufklären.
„ich bin nicht verrückt“, sagte er laut, „und ich nehme die Tabletten nicht“ Und er nahm sich fest vor, Kuros in der nächsten Sitzung alles zu erzählen, zumindest alles, was er wusste und weil er reinen Tisch machen wollte, mit allem, las er die letzten beiden Briefe aus dem Packen seiner Großmutter Clara und ebenso fest nahm er sich vor, diese Briefe Kuros zu geben.
(Rodeck zittert immer, wenn er liest, was in seiner Familie geschehen ist. Er zittert und fragt sich, ob es nicht vielleicht sein muss, wie es ist. Obwohl Rodeck Dahlia nie daraus vorlesen würde, sage ich, es ist besser, wenn man weiß.)
Liebste Elise,
ich lege den Stift beiseite, betrachte die Sätze, die ich geschrieben hatte. Meine Schrift ist unruhig, es gibt einige S, die fast zu einem I wurden, fahrig aufs Papier gebracht. Meine Hand muss gezittert haben, aber ich habe es nicht bemerkt. Ich bin hungrig. Bald, vielleicht in einer Woche werde ich es meinem Mann eröffnen, dass ich schwanger bin. Ob er sich freuen wird? Vermutlich, denn er hatte ja darauf gedrängt, Clara, ich möchte ein Kind von Dir, wieder einmal, bevor er mich roh und lieblos genommen hatte, wieder einmal und für ihn war das Kind eben nur ein Geschäft, ein Abschluss den er erfolgreich hinter sich bringen wollte. Ob er mich dann anders behandeln würde? Ob er vielleicht endlich so etwas wie den Anflug von Liebe in sich finden könnte, wenn schon nicht für mich, dann wenigstens für das Kind. Dass es nicht sein Kind war, wird er nie erfahren. Nie. Erneut durchfährt mich jener Schauer, wenn ich an diese eine Nacht zurückdenke.
Komm doch zu uns sagtest du zu mir und ich sah dich dort liegen, mit diesem Mann. Sein Körper war schön und jede der Bewegungen, die er seitlich hinter dir liegend vollbrachte, zeigte seine Muskeln, seine Ästhetik. Du warfst deinen Kopf zurück und dein Gesicht verzerrte sich zu einem lustvollen Lächeln, komm her Clara, sagtest du nochmals zu mir. Aber ich stand da, gelähmt und fasziniert von dem Anblick, der sich mir bot, Elise, meine geliebte Elise, die mir stundenlang über die mangelnde Fähigkeit von Männern, ihr Lust zu erzeugen erzählt hatte, bog sich in den Armen eines Mannes und genoss es. Eifersucht durchfuhr mich, denn ich spürte instinktiv, dass ich dieses Gefühl nie in dir erzeugen könnte, selbst mit allem was ich war, würde ich dies nie für dich sein. Und gleichzeitig erregte es mich, dich so zu sehen, denn du hattest mich bereits geöffnet, mir bereits einen Weg gezeigt, der neben dem normalen, konventionellen lag, einen Weg der Lust, den die Gesellschaft in der ich mich befand zwar verachtete, den sie als krank und unnatürlich bezeichnete und von dem sie dennoch wusste, dass es ihn gab. Hätte mein Mann mich doch dort gesehen, gerade hinter der Tür stehend, festgefroren und meine Brust begann sich zu heben, ich spürte, wie die Erregung in mir hochstieg, aber unfähig, auch nur eine einzige Bewegung zu machen, stand ich da und sah zu, wie du deinem Höhepunkt entgegenstrebtest. Als du bereit warst, entfuhr dir ein kleiner Schrei, der sich gänzlich von denen unterschied, die ich von dir kannte, aber jetzt war ich selbst am erzittern, so dass ich mich von dem erneuten Gefühl der aufsteigenden Eifersucht nicht mehr erschüttern lassen wollte. Komm Clara, sagtest du ein letztes Mal, erhobst dich und gingst langsam auf mich zu. Eduard lag da, sein Körper bebte noch leicht, er hatte den Kopf aufgestützt und wartete einfach, lächelte mich dabei beständig an, als wollte er mir sagen, du musst keine Angst haben, ich werde sie dir nicht nehmen, denn heute bin ich da, um euch zu dienen. Du berührtest mein Gesicht und ich stöhnte auf, schmerzlich genoss ich es. Wollte mich in deine Arme werfen, und war dennoch immer noch starr. Clara, meine geliebte Clara, sagtest du flüsternd, während du mir langsam meinen Mantel auszogst, dann die Bluse, den Rock, meine Wäsche, bis ich schließlich nackt vor dir stand und Eduards Blick sich veränderte, als er meinen Körper sah, meinen Augen entging nicht, wie sich sein Begehren äußerte.
Später lag ich zwischen euch und du hattest mein Gesicht mit Küssen bedeckt, während er mich bog, wie er dich zuvor gebogen hatte.
Ich möchte hier nicht weiter schreiben, denn ich finde keine Worte für das, was ich erlebt habe. Aber ich wusste, dass ich in dieser Nacht ein Kind empfangen habe, von einem Mann, der selbstlos gab, indem er mich nahm, auf eine Art und Weise, wie es mein eigener nie gekonnt hatte. Als der Morgen graute, erhob er sich und mit einer formvollendeten Verbeugung bedankte er sich, falls wir ihn nochmals benötigten, möchten wir ihm nur Bescheid geben, es wäre ihm eine Ehre gewesen, verabschiedete er sich. Du und ich schliefen Arm in Arm ein. Jetzt war ich eine Frau…
Ich werde ihn nie vergessen. Du sagtest, ich werde dich malen, du wirst wunderschön sein, als ich dich im Morgengrauen verließ.
Warum schreibe ich auf, was mir passiert ist, frage ich mich immer wieder. Mein Hunger wird stärker. Er verändert sich, mein Körper, Elise, ich bin glücklich.
Mein Mädchen war da, Anna, ich bat sie um einen Imbiss. Anna nickte, natürlich gnädige Frau und für einen Augenblick lang schien es mir, dass ich gemustert worden war und das Mädchen instinktiv von allem wusste. Vielleicht muss ich besser auf meine Tagebücher und die Briefe Acht geben, aber eingeschlossen in ihrem Sekretär und dort in der doppelten Schublade versteckt, von der mein Mann nichts weiß, sind sie doch sicher, oder nicht? Mein Vater hatte mir den Sekretär geschenkt und mich am Abend vor meiner Hochzeit beiseite genommen. Ach Vater, seufzte ich, wo bist du jetzt nur? Komm her, meine Kleine, ich möchte dir etwas zeigen. Dieser Sekretär ist mehr als nur ein netter Platz, um Briefe zu schreiben. Du bist meine Tochter und ich liebe dich über alles, morgen wirst du von hier weggehen und du wirst ihn mitnehmen. Er hatte sich an die Nase gefasst und dabei wie ein kleiner Junge gelächelt, er hat ein Geheimfach, weißt du und ich weiß, dass Frauen so etwas brauchen, ebenso wie ihre Männer. Sei ihm eine gute Frau, eine gute Ehefrau und eine gute Frau und ich hoffe, er wird dir ein guter Mann sein, ein guter Mann und ein guter Ehemann. Die Verbindung ist von Vorteil, und ich wünsche, dass sie vollzogen wird. Aber ich möchte dir auch eine Möglichkeit geben, ein kleines Stück von deinem Leben für dich zu behalten. Deine Mutter und ich, wir leben lange zusammen. Sie hat sicher einmal einen anderen gehabt, so wie ich vielleicht einmal eine andere hatte, oder zwei. Aber sie ist immer noch hier, verstehst du, und das ist am Wichtigsten. Sorge dafür, dass du nicht dein Gesicht verlierst und dann hatte er ihr den Mechanismus gezeigt, der das Fach aufspringen ließ. Wie hätte ich damals als gerade siebzehnjähriges Mädchen wissen sollen, was er damit meinte. Aber ich hatte neugierig und fasziniert zugesehen, wie die Schublade aufsprang, sich wieder schloss und nicht erkennbar war. Dreh an dem Knauf hier, und dann drücke einen Teil des linken vorderen Tischbeins, hatte er gesagt und ich hatte es selbst versucht.
Morgen werde ich Anna bitten, den Sekretär zu verstellen, so dass das Fach von der Wand ihres Zimmers verdeckt würde. Die Ecke links neben dem Fenster, dort soll er stehen, entschied ich, nachdem ich ein paar Mal im Zimmer umhergegangen war.
Ach Elise, ich bin hungrig und werde bald noch hungriger sein, während in mir Leben wächst.
Ich küsse dich,
Clara
XX.XX.
Liebste Elise,
Gestern.
Ich erwarte ein Kind, sagte ich.
Der Handelsvertreter blickte auf, schweigend hatten wir zu Abend gegessen. Ich erwarte ein Kind, wiederholte ich, beunruhigt, dass er keine Reaktion zeigte. Das ist gut, sagte mein Mann. Das ist schön.
Ich wusste, du würdest dich freuen, meine Hand zitterte, und ich versuchte meine Aufregung zu verbergen, aber er hatte es sofort bemerkt, wieso zitterst du, fragte er. Bin ich wirklich stark genug, um das alles durchzustehen, Clara, mein Liebes, ich blickte auf, selten nannte er mich so, was hast du?
Nichts, lüge ich, es ist nichts, ich bin nur müde, ein wenig erschöpft. Du wirst viel Ruhe brauchen, denn dem Kind darf nichts geschehen, hörst du, sagte er, erhob sich und kam auf mich zu. Seltsam, dass er sich so bewegt, langsam, fast sanft, macht mir Angst, dachte ich. In seinen Augen lag Zärtlichkeit, als er seine Hand auf meine Schulter legte, Clara, ruh dich aus. Morgen lassen wir einen Arzt kommen, er soll dich untersuchen und feststellen, ob alles zum Guten steht. Er betrachtete mich und ich spürte seinen Blick auf mir brennen, sieht er, dass ich ihn betrogen habe?
Ich kann es noch gar nicht sehen, sagte er und dann berührte er mit seiner Hand meinen Bauch, ich wollte unwillkürlich zurückschrecken, als er diese Geste ausführte, aber ich zwang mich, gerade sitzen zu bleiben, seine Hand begann ihren Bauch zu streicheln, dort drin wächst mein Erbe, sagte mein Mann, seine Hand wanderte höher. Steh auf Clara, sagte er heiser und ich gehorchte. Als ich stand, begann er meinen Rock zu heben, aber diesmal tat er es nicht hastig, wie sonst, dachte ich bitter, nein er ließ sich Zeit, um seinen Sieg noch weiter auszukosten. Gehorsam beugte ich mich nach vorn, schloß die Augen undich sah dich. Eduard. Er ließ sich Zeit, versuchte mich zu erregen. Es gelang ihm nicht.
Dann küsste er meine Schulter,
jetzt ruh dich aus, sagte er und küsste er meine Wange. Drehte sich um, knöpfte sich die Hose zu und verließ den Raum.
Wie sehr sich ein Mensch verändern kann, wenn man ihm nur gibt, was er will, dachte ich traurig. Unter anderen Umständen hätte ich ihn vielleicht lieben können, wir wären vielleicht einmal sogar glücklich geworden. Aber er zwang mich dazu, ihm ein Kind unterzuschieben. Mir wurde schlagartig klar, dass ich dich nicht mehr wieder sehen darf, will ich nicht das Leben meines Kindes, dein Leben und mein eigenes gefährden. Fände er heraus, was tatsächlich geschehen war, es würde fürchterlich enden. Ich lag wach in meinem Bett, hielt meinen Bauch mit beiden Händen umschlossen, Elise, ich kann dich nicht mehr wieder sehen, wirst du mir das verzeihen? Morgen schreibe ich dir ein letztes Mal, und dann laufen Tränen über meine Wangen.
In Liebe,
Clara.
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usw. usf.