Vier Jahre vor meiner Geburt geschrieben; heute nebst anderen Schätzen gefunden @100tagebücher
Dafür begleitet es mich heute Abend zu hard clubbing Lesung.

Danke Friederike Mayröcker. Kritik nach erfolgter Lektüre.
Vier Jahre vor meiner Geburt geschrieben; heute nebst anderen Schätzen gefunden @100tagebücher
Dafür begleitet es mich heute Abend zu hard clubbing Lesung.

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Weil Du unruhig schläfst und nach dem Erwachen Traum und Wirklichkeit nicht voneinander zu trennen vermagst – Protokoll einer möglichen Nacht:
… Lolita, wie sie gedacht, als man von ihrer (falschen) Göttlichkeit das erste Mal las; Lolita, wie sie eines Tages tatsächlich vor Dir steht: in einem schwarz weißen Ringelshirt, der Lippenstift schon leicht verschmiert, alles Teil eines bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Outfits – auch die Zigarette unverschämt zwischen ihre Lippen geklemmt. Wer weiß schon, was daran echt ist? Ihr Alter? Ihre Haare, fransig und ein Blick, der für gewöhnlich Jahre benötigt, bis er auf diese Weise passiert? Ein Blick von dem Du nicht weißt, wohin er dich führen wird. Bis Du die Falten im Augenwinkel bemerkst, die unter ihrer Schminke verborgen, ein kleines Stück Wahrheit in sich bergen.
… vom DJ-Pult aus gesehen erhält die Welt auf diesen 125 qm eine neue Bedeutung: das DJ-Pult, die Priesterkanzel unserer Zeit und egal, was Du Ihnen auch predigen wirst, sie werden es glauben, während sie sich hingeben. Dir, der Musik und ihrem Glauben. Dann wirst Du dort stehen, während halbgare Groupies einen Shot nach dem anderen bringen, um mit Dir ihre heilige Messe zu zelebrieren, dir einen Arm um den Hals legen, einen verschämten Kuss auf deine Wange drücken; oder wenn ihr Mut halbgar erwachsen, eine Hand an deinen Hintern gelegt, dir ihre Zunge tief in den Hals schieben. Du lässt es geschehen; da auch alten Götter wussten, dass man Opfergaben nicht ablehnt, wenn der Glauben der Menschenkinder unerschütterlich gehalten werden will. Lolita, wie sie die vier Stufen nach oben, die Klapptür ins Allerheiligste aufstößt und dir um den Hals fällt, gut sichtbar für all jene, die nicht an ihrem Platz sein können, während Du daran denkst, in etwa einer Minute und zwanzig Sekunden den nächsten Song zu spielen; bleiben ihr siebzig Sekunden, in denen sie an Deiner Seite für ihre Unvergesslichkeit sorgen kann.
… you are, what you drink, motherfucker, sagt sie dann, als sie neben Dir an der Bar steht: Who the fuck, are you then? Zeit, die immer vergeht und Jahre, die einen nicht jünger werden lassen; kaschiert aber grandios daran gescheitert, weil irgendwann die Fähigkeit verloren geht, mit einer anderen Generation mitzuhalten.
- Cheers, Fucker!
- Nenn mich nicht Fucker. Ich könnte das als Einladung verstehen.
- Was?
- Noch einen?
- Natürlich. Darum stehen wir doch hier, oder?
Sie will sehen, ob Du trinken kannst und Du willst sehen, wie weit sie gehen wird. Wie sie lacht, weil Du angewidert Dein Gesicht verziehst, Tequila trinkst Du nicht mehr, seit Du Dir damit den Magen verdorben hast.
- Trinken für Erwachsene, Fucker!
Sie, die sich die Zitronenscheibe zwischen ihre Lippen klemmt, du weißt, dass Du nicht ablehnen wirst. Sie, die ihren Blick verschleiert und Du, der nicht nur in die Frucht beißt, sondern auch ein wenig in ihre Lippen. Sie, die nicht zurückweicht, sondern geduldig zulässt, dass du saugst, bis du den letzten Tropfen gekostet hast. Weil die Gier dich übermannt und sie, die sich Salz an ihre Lippen tupft, dich verschämt erst, hungrig dann küsst. Sie, die ihren Tequila kippt, um anschließend sofort in der Menge zu verschwinden. Du, der auf seine Kanzel zurückkehrt, der nächste Song ist nur für sie.
… für eine kurze Zeitspanne noch bist Du da, wo Du immer sein wolltest. Und dennoch schon auf dem Sprung, mit einem Bein bereits weit weg, träumst Du doch davon, eines Tages eine Familie zu haben und Kinder und jedes kleine Quantum Spießigkeit, das Deine andere Hälfte für undenkbar hält. Du sehnst dich nach einem geregelten Leben, während Du bis zum bitteren Morgen Deine Jugend festzuhalten versuchst. Dass es mehr als ein paar Stunden dauern wird, bis Du Dich wieder als Mensch fühlst, hat keine Bedeutung jetzt – nicht, wenn Du allein in deinem Bett liegst und Dich fast, aber nur fast fragst, warum eigentlich?
… erwacht und ausgeträumt und ausgekatert.
Nur, am Ende gilt: If you go for it, you go for it.
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#6 parabel – dazwischen die wahrnehmung
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Dazwischen die Wahrnehmung. Wahrnehmung ist subjektiv. Immer, ewig, axiomatisch. Ebenso ewig, wie ein mittels einem harten Bleistift eingetragener Buch-Preis auf Japanpapier – selbst radiert, bleibt der Abdruck zurück. Manche wissen darum und handeln entsprechend vorsichtig. Anderen aber schwebt nur vor, das Buch für 799 Euro, Schnäppchen quasi, zu verkaufen. Dass durch diese Rohheit im Umgang das Objekt für immer beschädigt und an anderer Stelle ein Herz einen Sprung erleidet – es kümmert nicht solange am Monatsende die Kasse stimmt. Dabei sind Fehler der beste Weg, etwas zu lernen – wenn die Resistenz dagegen nicht unauslöschlich eingeschrieben wäre.
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Winter. Im verschneiten Garten auf einem Klappstuhl sitzt einer und denkt nach, mit einer wärmenden Decke, um seine Schultern gelegt. Er denkt über sein Leben nach. Wo es angefangen hat? Vielleicht an dem Tag, an dem die erste Lüge geschah. Dabei sollte Lügen doch heute gesellschaftlich anerkannt sein, findet er. Alle lügen irgendwie. Politiker, sowieso. Freunde, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Lehrer und Priestern übrigens darf man am wenigstens vertrauen, gleiches gilt für Propheten. Alle plappern nur die Wahrheit nach. Eine Wahrheit, die sich schnell als Konstrukt entpuppt, wenn eine genauerer Blick hinter die Kulissen erfolgt. Wieviele Menschen hat der da diffamiert ? (in seinen langen Jahren?) Wieviele Leichen lagern in seinem Keller? Der da sitzt, fröstelt, wickelt sich enger in die Decke. Deren Stoff ist gewebt. Sorgsam und von Hand gewebt. Würde er genau hinsehen, wüsste er, dass es die Lügen der Jahre sind, die Faden an Faden bilden. Nur, das Sehvermögen wurde schwächer. Die Gesichter starren ihn aus fadenen Augen an, stumme Vorwürfe. Augen können nicht schreien. Dort sind Verträge zu sehen, die er unterschrieben, mit seinem Namen, Verträge, die nur für ihn von Vorteil waren, Verträge mit Menschen die durch seine Hände gingen und ihn zu einem reichen Mann gemacht haben. Doch Papier kann nicht schreien. Dort sind Zahlen zu sehen, in schwarz und mit einem dicken Plus davor, sein Reichtum, der sich stetig vermehrte, von Menschen erwirtschaftet, die durch seine Hände gingen und deren Verträge er zu seinen Gunsten ausfüllen ließ. Doch Zahlen können nicht schreien. Der da sitzt, kann nicht hören; es kam ihm abhanden (über die Jahre). Der da sitzt und fröstelt in seiner Decke, erhebt sich schließlich auf seine dünn gewordenen Beine. Wacklig auf das Haus zu. Ein mondänes, schönes Haus. Angefüllt mit dem Betrug der Jahre. Heute Abend, wenn er in den Schlaf hinüber dämmert, wird er sich keine Fragen mehr stellen. Der Schlaf löscht sie ihm aus. Den Morgen danach wird alles vergessen sein, der Erfolg gibt ihm Recht.
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Was der, der da im verschneiten Garten auf dem Klappstuhl sitzt, in der Nacht träumt und woran er sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern kann:
Sommer. In einem Garten sitzt einer, auf einem Klappstuhl. Er hält ein Buch in seiner Hand. Aufgeschlagen, Seite 243. Er ist so tief in die Geschichte vertieft, dass er nichts um sich herum spürt. Er liest, aus Freude am Lesen. Schließt das Buch nach dem letzten Satz, blickt zum Himmel. Denkt nach. Der da gesessen hat, steht auf, geht in sein Haus zurück. Schreibt eine Widmung an einen lieben Freund in das Buch, packt es in Geschenkpapier ein, legt es in seine Tasche. Zieht einen leichten Mantel über sein Sakko, ein Sommerschal um den Hals, einen englischen Hut auf dem Kopf. Er fährt mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Mit dem Zug in die Stadt des Freundes. Zu Fuß vom Bahnhof weg, an einem Imbiss macht er Halt. Nimmt eine Kleinigkeit zu sich. Mit der Öffentlichen zum Haus seines Freundes. Er ist ehrlich, ersteht eine Fahrkarte für jede einzelne Fahrt. Nie würde es in seinem Leben etwas Unrechtes tun. Als er die Treppen zur Wohnung seines Freundes hochsteigt, fühlt er nach dem Buch in seiner Tasche. Spürt und ist beruhigt. Er läutet. Wartet. Lauscht in die Stille hinter der Tür. War da nicht eben eine Bewegung im Türspion? Seine Freude steigt, gleich wird er sein Geschenk übergeben. Er läutet nochmal. Ist der Freund nicht zu Hause? Unruhe breitet sich in ihm aus. Wie soll er jetzt sein Geschenk überbringen? Für den Briefkasten ist das Buch zu groß. Aus der Hand will er es nicht legen, zu sehr fürchtet er, dass jemand nehmen könnte, was ihm nicht zusteht. Er ist begierig darauf, die Freude im Gesicht seines Freundes zu sehen, wenn dieser das Geschenkpapier sorgsam löst und offenlegt, was dafür geschaffen wurde, offengelegt zu werden. Er ist begierig darauf, den Dank im Gesicht seines Freundes zu sehen. Er wartet. Der Freund öffnet ihm nicht die Tür.
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# nachtrag: entstanden aus folgender idee, wegen Zeitmangels damals leider nicht weitergeführt. Es geht also weiter, allerdings nur mit einem tweet pro tag. over and out.
#1
„Auf der Planke“
Mein Name ist Victor. Ich habe eine Scheißangst vorm Sterben. Es ist 16:54h, als meine Uhr stehen bleibt. Ich habe versucht die Sekunden zu zählen. Es gelang mir nicht, bei Sekunde Sechstausendundsieben gab ich auf. Aber wir schwimmen noch. Ellas Bewegungen sind langsam und gleichmäßig, wie meine. Wir müssen Kraft sparen. „Leg dich endlich auf die Planke“ sagte ich zu ihr. „Nein, wir schwimmen beide“, sagte Ella. Mit der Zeit dringt die Kälte trotz aller Bewegung der Beine tief in die Knochen. Ich trage nichts. Ella sagte, sie möchte nicht nackt sein, wenn sie uns finden. Als ob sie uns je finden würden. Das Meer bleibt ruhig.
Du kannst wirklich segeln?“ hatte ich sie gefragt. „Natürlich. Ich wuchs an einem See auf.“ Nur, der See war nicht die Ostsee gewesen. Aber Ellas Sicherheit ließ mich Zweifel vergessen. Ein Boot zu steuern kann so schwer nicht sein, hatte ich gedacht. Ferien. Endlich. Aber schon die Zugfahrt in den Norden war nicht einfach gewesen. Ständig Anrufe auf unseren Handys. Hatten wir nicht anderes vereinbart? „Ich glaube ich sehe was!“, sagt Ella plötzlich. Ich schiebe meine Hand über ihre. „Wo?“ Die Sonne würde bald untergehen. „Dort hinten“Ich kann außer kleinen, weißen Schaumkronen nichts entdecken. „Was hast du gesehen?“ „Nichts. Fata Morgana.“ - „Deine Lippen sind blau“ – „Weil mir kalt ist.“ – „Beweg deine Beine mehr.“ Ich greife ihre Hand fester. „Ich liebe dich“, sagt sie. Ich antworte nichts. „Woran denkst du?“ fragt sie. Ich lausche einen Moment lang auf das Geräusch des Wassers. Es ist kein Plätschern.
#2
…Kein Brandungstosen, hier auf dem offenen Meer; man fühlt sich nicht wie hineingefallen und hin und her geworfen, ehe man untergeht. Es ist kein Brandungstosen, mehr ein beständiges Rauschen. Es ist so leise, dass man fast glauben könnte, es wäre still. „Ruh dich aus. Ich schwimme für uns beide“ Sie sieht mich an, in ihren Augen liegen Liebe und Angst. „Es wird bald dunkel“, sagt sie. Die Sonne geht langsam unter. Ob man schon nach uns sucht? „Victor, warum hast du nicht geantwortet, ich liebe dich auch?“, fragt Ella. Gern würde ich eine Ausflucht finden. Wenn man weit und breit der einzige andere Mensch ist, ist es leicht, zu sagen, „ich liebe dich.“ Wir haben natürlich gestritten. Mit anderen Umständen wäre es vielleicht ein typischer Streit unter Paaren gewesen. Aber wenn man an einer Planke festgeklammert über die Ostsee treibt… Ella warf mir einen bösen Blick zu. „Nicht dein Ernst oder?“
„Wer von uns beiden hatte denn die super Idee segeln zu gehen? Wer von uns beiden leidet denn an einem übergroßen Selbstbewusstsein?“
„Ich etwa?“ In ihrem Blick lag etwas ähnliches Tiefes wie das Meer, auf dem wir trieben. Dass es so kommen hatte müssen, dachte ich. Für einen Moment überlegte ich, mich von der Planke abzustoßen. Was hatte der Bootsverleiher gesagt? Fahren Sie nicht zu weit raus. Aber Ella hatte nur gelacht und meinen fragenden Blick ignoriert. „Komm schon, das Wetter ist doch super!“ Wir legten von der Mole ab. Ella mit ihrer Hand am Steuerruder, das hatte richtig gut ausgesehen. Sie steuerte direkt aufs offene Meer zu. Weiße Schaumkronen auf den Wellen, das Land schwand schnell. Seeluft blies uns um die Nase. „Leg dich vorn an den Bug“ schlug Ella vor.
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zeit, sich mal anzusehen, was außerhalb von München so geboten wird!

Wer die multimediale Lesung Sex, Drogen, Clubbing vom Mai 2009 in München verpasst hat, kann sich freuen!
Das Programm (Fotos davon hier, Videotrailer von damals dort) gibt es nochmal in Fürstenfeldbruck zu sehen.
Violette von Rosenweiß, Deef Pirmasens und meine Wenigkeit lesen Storys übers Abtanzen, Substanzen und die Liebe. Die Texte werden bereichert von Beats und Instrumentals sowie den Visuals von unserem genialen VJ gently.radical.
Hard Clubbing
multimediale Lesung mit Musik und Visuals
Samstag, 7.11.2009, 20:30
Eintritt 4€
im Subkultur, Auf der Lände 7, Fürstenfeldbruck
Bei Facebook vormerken bitte hier entlang!

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#Raymond erzählt,
selbst im Gehen schweigt er nicht und ich höre zu. Nicht sehr aufmerksam, weil mir das schon längst nicht mehr gelingt. Er merkt es nicht, denn ich streue gelegentlich ein bisschen was bei.
- Wirklich?
Ein Wort, das fast immer funktioniert. Es hält mir vom Leib, was ich nicht hören will.
- Ja, nein, gut, schlecht.
Das erfüllt einen ähnlichen Zweck, ist aber nur halb so effektiv. Man muss schon ein kleines bisschen mehr bei der Sache sein. Meistens reicht es mir aber, nur den letzten Halbsatz zu hören, um dann mit „Wirklich?“ nochmal eine kurze Zusammenfassung des Gesagten zu erhalten. Das spart Zeit. Davon habe ich nicht im Übermaß. Wie überhaupt alles andere ebenfalls knapp geworden ist. Was interessiert es mich schon, welche Wahrheit mir gerade erzählt wird? Ich schaffe mir meine eigene und ich erschaffe mich.
- Ich will eine Welt, in der ich lebe, um zu schreiben, wo, wann, wie es mir gefällt. Eine Stadtwohnung im obersten Stock, mit einem Ausblick, der mir den Schlaf vertreibt, lange Regale stehen an den Wänden, die Bar ist gut gefüllt und auf dem Cannape immer ein Platz für dich frei. Ein Landhaus, versteckt hinter einem Pinienwald, uneinsehbar von der Straße, aber man ahnt, dass es da ist, wenn Winters der Rauch aus dem Kamin nach oben steigt, schwere Holzmöbel und ein Glas harzigen, starken Alkohols, dem man die Reife der Jahre abschmeckt, sodass ich vergesse, welcher Tag gestern war. Die Möglichkeit, zu sagen, „ich will reisen“, und zack, ist ein Flugticket in meiner Tasche, auf dem Weg zum Flughafen lese ich eine wohlwollende Kritik meiner letzten Veröffentlichung und sonne mich in meinem Ruhm. Stattdessen räume ich fünf Mal im Jahr mein Zimmer um, bescheidene 21 qm und träume von einer anderen Zeit. Es muss nicht sein, dass man am Eingang der besseren Bars namentlich begrüßt wird, aber es wäre schön. Ebenso schön, wie einen festen Tisch zu haben, an dem man mit Freunden niedergelassen, die Nacht zum Tag werden lässt und ab und an eine schöne Frau im Arm, genauso ein Diner mit Sasha Grey wäre schön, sagt er, dann lehnt er sich zurück.
Du willst zu viel des Schönen. Wo ist deine Sehnsucht nach dem Weltfrieden, nach Brot für alle, nach ewigem Glück und Gesundheit, ewiger Jugend und einem sorgenfreien Leben mit einem Mindeststandard für etwa 6,8 Milliarden Menschen?
Er merkt an, dass er gern noch Musiker wäre und malen würde er auch, warte allerdings noch auf den richtigen Moment, damit wirklich zu beginnen. Etwas zu tun. Es zu tun. Aber ansonsten ist sein Auftritt schon perfekt vorbereitet, die Website fertig. Fehle nur noch das richtige Maß an Aufmerksamkeit.
- Wirklich?
- Natürlich. Ich meine das absolut ernst. Und denkst Du, es wird funktionieren?
- ja / nein / vielleicht.
Ein Gesamtkunstwerk also. Perfekt inszeniert und bis ins letzte Detail alles geplant. Mir wird schlecht, bei so viel Größenwahn, Arroganz und vor allem Skrupellosigkeit. Wäre ich so wie er, würde ich seinen Schwanz in den Mund nehmen und kurz, bevor er seine Träume in mich einspritzt, kräftig zubeißen, mit den rostigen Lippen meiner eigenen, lächerlichen Existenz. Ja, ich bin wütend, ich bin verdammt wütend, weil mich die Blödigkeit mancher Mitmenschen anwidert und ich dem nicht entkommen kann – den mittelmäßigen Selbstdarstellern, die sich selbst für die Größten halten.
Das war nicht immer so, ich war nicht immer so.
- Sag mal Raymond, wovor hast Du eigentlich am meisten Angst?
- Zeit.
- Und Du?
- Nicht zu erkennen, dass es nicht über eine gewisse Mittelmäßigkeit hinausreicht.
Er schweigt.
- Warum erzählst Du mir das alles? Zu gern nur, würde ich ihn sezieren, um ihm sein Inneres zu erklären und lege ihm einen Arm um seine schmächtigen Schultern, die soviel Gewicht zu tragen haben.
- Ich dachte, ich kann Dir vertrauen.
Uns gegenüber sitzt ein vielleicht vierzigjähriger Mann am Boden, die Beine langgestreckt; Passanten machen einen Bogen um ihn. Die Habe auf drei Discounterplastiktüten verteilt, ein schäbiger Hund hat seinen Kopf auf die Oberschenkel des Mannes gelegt, wärmt ihm das Fleisch. Wovon die beiden träumen? Sicher nicht davon, ewig jung zu bleiben.
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ich wollte schreiben.
stattdessen lese ich.
tom waits begleitet
vor dem fenster
den regen.
ein hund
mit nassen fell streicht
zwischen tisch
und stuhl
umher
eng an mir
lässt sich das tier nieder.
dankbar wartet es
auf meine hand.
ganz wie menschen
sich danach sehnen
dass jemand sie berührt.
kreisen
innehalten
fortfahren
wir sitzen beide
in ruhe.
während ich lese
bin ich weit fort von hier.

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#4 Stepptanz – horizontal.
denn, was langsam beginnt, zaghaft, artet aus, erwächst sich.
… Harry steht vor dem Schaufenster. Fuck that! Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm mal leibhaftig begegnen würde, aber wenn einer Harry nahe kommt, meinem Harry – dessen Gott, Schöpfer, Vater und Mutter, dessen Satan & Zerstörer ich bin; der ihm Blut in die Wangen treibt und der die Taktzahl seines Pulses bestimmt / an guten Tagen 140 bpm , morgens eher um die 65 /, dann ist der das, der da vor dem Schaufenster steht.
… ich will ja hinausgehen, auf die nur andere Seite des Fensters treten, ihm eine verpassen und um dann zu sagen: Leck mich doch, ich wusste, dass Du eines Tages zu mir kommen wirst. Als wärs nur ein Deja-Vu gewesen, und wo ich Harry doch wenig Gutes getan habe. Einmal ließ ich ihn zu Tode stürzen, einmal mit gebrochenem Herzen an einem tristen Vorstadtfriedhof versauern, dann wieder schlug sich der Großmut in mir durch und ich spendierte ihm einen neuen Wagen. Weils manchmal etwas mehr sein darf, einen Ferarri. Mal verzehrte er sich vor Schuldgefühlen, mal wich er ihnen galant mit einer Vierteldrehung aus, dann wiederum schien er völlig immun. Mal ließ ich ihm die Frau ein andermal nahm ich sie ihm weg und vergnügte mich die ganze Nacht mir ihr. Sein vollkommendes Mindmapping aus Mosaikstücken, zusammengesetzt von – ! Und jetzt, Harry, … wenn ich Dich anspreche, weil ich wissen will, was Deine Augen sehen, wenn ich in Dich hinsehen will, weil ich wissen will, was Du denkst.
… ein heiliger Moment. Nicht ganz der brennende Busch, aber … Man muss schließlich auch dem Alltag die Gelegenheit lassen, Pathos zu entwickeln. Er sieht normal aus. So unscheinbar normal, dass ich mich wirklich frage, ob er es ist. Aber da steht sein Name, mit großen schwarzen Buchstaben ihm quer über die Stirn geschrieben, quasi eingeritzt. H A R R Y. Ich weiß alles über Dich! (Auch, wie dein Schweiß riecht, oder dass Du, so Du Dich unbeobachtet fühlst … ) Mein erster Satz. Und was wirst Du mir antworten? „Ich weiß, ich kann Dich in der Wortzahl nicht mehr einholen“ Oh Harry …
Denn ein Hauptspeicher kann nur dann effektiv arbeiten, wenn das Steuerwerk die Adressen von Befehlen und Daten schnell und sicher auffinden kann.
… 0 … 1 …. 0 …. 1 …. 0 ….
Und so besteht ein Wort aus vier Speicherzellen, ein Doppelwort aus 8 Speicherzellen und ein Halbwort folglich aus 2 Speicherzellen. (grundriß der elektronischen datenverarbeitung, 1. auflage München, 1975)
… denkt er daran, wie sie morgens mit der öffentlichen zum Flughafen fuhr und sich auf den vier Stunden langen Weg machte, um mit ihm zu streiten, dann, schon kurz vor dem endgültigen Aus, „aber schlafen wir nochmal miteinander. Das letzte Mal“, zu sagen, dann wieder, kurzes, aber befriedigendes Intermezzo, die vier Stunden zurück, während er schon am nächsten Tag nicht mehr daran dachte, dass sie wirklich da gewesen war. Bis ihre Besuche irgendwann ausblieben, hatte der Vater, der Richter in Amt und Ehren ihr die Kreditkarte eingezogen, um Missbrauch einen Riegel vorzuschieben. So war es doch Harry, oder?
… ein Taxi, bremst. Jemand hat dem Wagen den Spiegel abgefahren, bleibt ebenfalls stehen, steigt aus. Das Opfer, ein gemütlicher Mann, schütteres Haar, faßähnlicher Bierbauch. Der Täter, ein hochgeschossener Blondschopf, dem die Hose um ausgemergelte Beine schlabbert. Harry wendet sich vom Fenster weg, betrachtet den Vorfall. Runzelt die Stirn. Interesse? Nummern werden ausgetauscht, ein paar schnelle Bilder für die Versicherung gemacht, damit alles seinen rechten Weg geht und keiner davon abkommt. Ob er was gesehen hätte, aber Harry schüttelt den Kopf, dann nähert er sich dem Taxi. Ich habs gesehen, hier, ich. Nur, ich kann nicht weg, ich bin hier, hinter dem Fenster und du bist dort. Steig nicht ein, bitte Harry – steig nicht in dieses Taxi. Es gibt für uns kein „ich bin kurz um die Ecke“, denn gehst Du, kommst Du vielleicht nie wieder.
… und hochgerissen aus meinen Tagträumen steht eine junge Mutter vor mir, eine von der Sorte, wie man sie in 73 Tagen wohl kein zweites Mal mehr sieht. Mit zwei Kleinkindern, eines auf jedem Arm. / Anm: Streiche die Kinder. Eine junge Mutter, deren zwei Sprößlinge im Kinderwagen auf dem Gehweg …/ Und einem Hintern, der nur dazu einlädt, darauf einen wilden Stepptanz hinzulegen. Horizontal natürlich.
… Abblende in die vorgeborene Dämmerung (des Nachmittags). Eine amorphe, in der Form unentschlossene Seifenblase auf ihrem kurzen Weg von links nach rechts vor dem Schaufenster, bis sie zerplatzt – einfach so. Man muss dem Alltag die Gelegenheit lassen, Pathos zu entwickeln.
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13. November 2009
Große Aula
Ludwig-Maximilians-Universität
Geschwister-Scholl-Platz 1
80799
München
Junge Literatur made in Munich von:
Lena Gorelik
Daniel Grohn
Christopher Kloeble
Jens Petersen
Fridolin Schley
Thomas von Steinaecker
Julia Zange
und weitere, noch ungedruckte Absolventen des Kurses.
Mehr Infos unter: Manuskriptum - Show
V.i.S.d.P. und Verantwortlicher gemäß § 10 Absatz 3 MDStV, § 55 II RStV und § 5 TMG: Markus Michalek, Schellingstr. 48. 80799 München. +49 179 45 75 731, markus(dot)michalek(at)gmx(dot)net
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