vom Ende der Pause

und dieses ist nicht in Sicht – dieser Blog bleibt stillgelegt und ob, bzw. wann und wie ich wieder ein eigenes, solitäres Projekt erzeugen werde – das bleibt im diffusen Raum zwischen 0:50 und 0:51 verwahrt.

Aber einige Projekte, auf die ich – zugegebenermaßen auch in eigener Sache – hinweisen möchte; und sei dies nur der Vollständigkeit halber.

1.) Ein vielversprechender Autor

2.) Einer der besten deutschsprachigen, literarischen Blogs

3.) Einige Shortstories, die nach der Stilllegung von “kapinski nimmt einen drink an der bar” entstanden sind – leider ist auch dieses Projekt zugunsten eines anderen, aber ebenfalls sehr vielsprechenden stillgelegt.

4.) ds prnzp dr sprsmstn rklrng - gewissermaßen eine Art Nachfolgeprojekt von diesem hier, eine in München gegründete Zeitschrift für Literatur und Essayistik Wenn auch nicht im Alleingang, sondern mit guten Freunden und Kollegen.

in eigener sache

warum gerade eben jetzt?

warum nicht?

fast drei jahre lang hat mich dieser blog begleitet, ich habe viel gelernt, vieles erfahren – diese plattform war eine nette spielerei zum analogen schreiben und eine gewissenhafte ablenkung, ich habe das sehr genossen.

es heißt oft, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist. die literarische kunstfigur kapinski hat ausgedient – sie geht in den verdienten ruhestand, nach acht jahren.

frühe zeugnisse auf jetzt.de (2002 – 2005), zu einer zeit, als tagebuchschreiber noch von der redaktion freigeschalten werden mussten, sind nicht mehr vorhanden, ich hätte sie sonst der vollständigkeit halber hier noch eingestellt.

spätere mögliche erzeugnisse dieser figur werden ggf. in anderer form erscheinen. links zu freunden oder family, ebenso die blogroll werden immer gern aktualisiert (ich bitte an dieser stelle um mails, sollte ich es vergessen. betreffende wissen ohnehin, wie sie mich erreichen können) ebenso gewisse listen, die der vollständigkeit halber ab und an up-to-date gebracht werden.

ich werde nicht mehr unter dem namen kapinski auftreten, ich werde bis auf wenige ausnahmen nicht mehr unter dem namen kapinski schreiben.

dass ich weiter schreiben werde, weiter publizieren und auf lesungen ein paar worte in den raum werfen werde, steht außer frage; es ist noch viel zu früh, eine treppe im tucholskyschen sinn zu verfassen – zu viele worte sind noch ungeschrieben, ungesagt, ungelesen, ungehört.

an dieser stelle einen herzlichen dank an meine leser, manche davon habe ich persönlich kennengelernt, andere werde ich vielleicht nie kennenlernen.

ein autor kann nie entscheiden, wem er seine worte gibt, selbst wenn er vielleicht zeitweise anderer meinung ist.

die nächsten zwei, drei wochen werde ich damit verbringen, auf andere literarische blogs in form eines artikel updates hinzuweisen. immerhin gibt es genug unkraut und gutes kraut im digitalen garten eden der literatur, das es wert ist, gelesen zu werden.

in diesem sinne

bon voyage, münchen, den 28.7.2010.

nachtrag (denn ich schreibe nachträge für mein leben gern), damit möchte ich schließen.
aus dem zyklus “to sp(ea)k”

Makulatur (in gedanken an ingeborg bachmann – eine art verlust)

Es ist wieder passiert, egal welcher monat, auch

datum/tagesstunde/nachtstunde/minute/sekunde, sucht nur der zeitpunkt aus; richtig wird er nie getroffen werden, es wandern fort: worte, fotos, briefe, gedächtnisfilmrollen, schmerz und gegenschmerz. Und zeiten, die eben vergangen sind, alles gemeinsam verbrauchte, nur manchmal,

erzählt der wind davon. Von liebe darf nicht mehr gesprochen werden. stattdessen, gegenmaßnahme: ego-häutung. aber später, aufgehobenes, nicht weggeworfen: portionsweise danach greifen,
sich wieder erinnern – menschenbestimmung, längst nicht die einzige. verlorenes bleibt niemals ungefunden.

UPDATES – LESENSWERT

Nadaville (drei Münchner Autorinnen)

vom boden unserer kammern goes deep throat

ausnahmsweise, weil einmal immer das erste mal ist, stelle ich einen auf einer lesung vorgetragenen text online.

einen herzlichen dank an die mitlesenden: katharina höhendinger, elias kreuzmair und marold langer-philippsen, ebenso an f. bross und die crew vom giesinger hafen.

zwanzig fragmente pornographie, gelesen am 19.7.2010 in der kantine von puerto giesing.

Eins

Irgendwann ist jeder fällig.

Zwei

Trinken will ich dich hart ausschlecken deine Milch damit kein Tropfen verloren geht vom guten Gesöff das aus deinem Brunnen fließt über dem ich gierig mit meinem Mund hänge wie andere an der Nadel.

Drei

Geilheit war nie der Weg des geringsten Widerstands.

Vier

Auf dem Bett lag ich, meine Augen geschlossen und dennoch sah ich sie, wie sie sich über mich beugte, mit ihrem Mund näher kam, ihre  Wärme und ihr festes, gleichzeitig weiches Fleisch, das sich um mich schloss. Für ihren straff gespannten Beckenboden war ich den gesamten Ritt über dankbar erregt, ihre Hände, auf meinem Brustkorb abgestützt. Ihre Augen, mit diesem unverwechselbaren Blick, der sich um ihre Pupillen sammelte, während sie auf dem Weg zu ihrem Höhepunkt war; sie biss sich leicht in den Handballen, um nicht zu laut zu stöhnen, ich legte ihr meine Hand übers Gesicht, sanft. Zog sie herunter zu mir und schloss meine Arme um sie, spürte ihren Puls und die weichen Kissen ihrer Brüste, die gegen meine Haut drückten. Auf dem Bett lag ich und dachte an Momente wie diesen, bis es nicht mehr möglich war – ich bin mit einem kleinen Schrei gekommen, ich wünschte es wäre ihre wunderschöne Möse gewesen, die meinen Samen in sich aufgenommen hätte und nicht mein nackter Bauch. Eine Zeitlang blieb ich noch schwer liegen, bis ich mich erhob, die Sonne drang durch das Rollo, aus dünnen Bambusstangen bestehend.

Fünf

Ich bin ein Stier mit einem geilen Herz. (und einem Schwanz am rechten Fleck)

Sechs

Gestern war ein pathetischer, leidenschaftlicher Tag. Lese ich, was ich gestern geschrieben habe, weiß ich, dass ich selten ehrlicher war. Oder mehr gelogen habe. Alles nur eine Frage des Standpunkts. Das Hauptproblem unserer Zeit: die latente Mittelmäßigkeit der meisten Menschen. Das ist so unsexy, so unporno, so verdammt normal.

Sieben

Gabriele und ich kennen uns lang, vielleicht zu lang, um uns je wieder zu trennen, selbst wenn mir die Worte ausgehen, oder ihr das Farbband. Sie hat sich den Platz in meinem Leben hart erkämpft, mein treues Weib, die einzige die ich nie betrogen habe, die einzige, die mir immer bleiben wird. Ich habe sie mit meinen Fingern beschlafen, mit meinem Geist, aber nie mit meinem Geschlecht. Und brav bezahl ich meine Schulden, nach jedem Gedicht, das ich auf ihr geschrieben habe.

Acht

Zwischen dem Heute und Gestern, vielleicht auch dem Morgen, geschieht es, dass zwei Menschen in ihrem Leben unvermittelt innehalten – als hätte etwas im Vorübergehen an ihnen gerührt.

Neun

Fuck you and fuck with me, habe ich einmal auf einen orangen DIN A4 Bogen 180 Gramm dicken Papiers geschrieben, darunter zwei Kondome geklebt, Marke durex, Sensitiv und dieses Blatt einer jungen, ziemlich hübschen Frau gegeben. Geholfen hat es nicht.

Zehn

In einem Verbot liegt manchmal alles verborgen: das Neuland einer Sternenrosette, aufgebrochen und entdeckt, etwas Ganzes gewollt und mit nichts geendet.

Elf

Hineinschrauben, hineinstopfen, sich darin verhaken. Gefangen sein.

Zwölf

Ich habe, glaube ich, in meinem ganzen Leben nur einen einzigen pornographischen Film gesehen. Er hatte den entzückenden Titel Soeur Vaseline. Man sah eine Nonne in einem Klostergarten mit einem Gärtner schlafen, der es seinerseits mit einem Mönch trieb, bis sich alle zu einer Nummer zu dritt zusammenfanden.“ (Aus:Luis Bunuel, Mein letzter Seufzer, Erinnerungen, Lebensbilder) Der Besuch in einem Pornokino erfordert die genaue Planung der Mitnahme mindestens eines Päckchens Taschentücher. Außerdem Oropax.

Dreizehn

„Sex macht Spaß, weil Frauen einen verdeckten Eisprung haben und Männer deshalb ständig wollen“ – ein Auszug aus der evolutionsbiologischen These zur menschlichen Sexualität eines Mannes namens Jared Diamond.

Vierzehn

Sie taten es oft, viel und fast überall – aber nie im Vatikan, oder auf einer Parkbank in der Stadt. Auch der Louvre blieb bisher verschont, sie waren schließlich nie dort gewesen. Dabei würde sie zu gern den ewigen, in Stein gehaunen Kuss nachstellen, um zwischen Bildern, Marmor, Mauern, (und einem wütenden Wachmann, der sie nicht finden wird), ein paar Schweinereien hinzulegen, vielleicht auch, um endlich ein Kind zu empfangen, des Zufalls halber.

Jeder besitzt seine eigene Vorstellung vom Koitus – manchmal stellt sich im hilflosen Herumgeschiebe heraus, dass lediglich eine sterile Körperharmonie vorliegt – manchmal aber stellt sich auch das Beste heraus – der eigene private Porno. Ein Risiko. Und dennoch lassen wir uns immer wieder darauf ein.

Fünfzehn

Im Leben mit möglichst vielen verschiedenen Frauen zu schlafen, war nie mein Ziel. Es hat sich halt so ergeben, sagt ein Mann. Und eine gibt es, die vergisst man nicht, die fickt dich, antwortet ein Anderer.

Sechzehn

Ich benütze ein Stilmittel wie ein Kondom. Ich stülpe es mir über, danach werfe ich es weg und ersetze es durch ein neues.

Siebzehn

Später bemerkte ich, dass an meinem Schwanz ein Rest Sperma klebte, ein Rest Sie. Sofort wurde ich wieder hart, dachte an den Nachmittag und die Erregung, mit der ich durch die Innenstadt gefahren war. Vorbei am alten Karlsplatz, der Nachmittag regengrau verhangen, mühsam zog ich ein Bein an und stellte es hoch, wollte anderen Fahrgästen nicht zeigen, was mit mir geschah – wollte das Pochen für mich behalten. Als wäre ihre Hand bereits dabei, langsam an meinem Körper entlang zu streichen, mir ungeduldig den Gürtel zu öffnen, begierig darauf, dass ich ihr entgegen sprang – ich wollte das für mich behalten. Der Nachmittag zog vor dem Fenster vorbei, wir sprachen, fühlten dem Erlebten hinterher, beschlossen, etwas Neues zu versuchen. Ich fragte sie nach dem Genuss, sie sagte „gut, hat mir gefallen“, ich wusste, das nächste Mal würde ich ein wenig tiefer in sie eindringen, immer noch langsam, vorsichtig; ihr genug Freiraum lassen, mir entgegen zu kommen. Wurde abrupt von der fast schmerzlichen Lust übermannt, sie auf den Bauch zu drehen, und wusste doch: nein, ich würde warten. Ich bat darum, sie nach einem Bild in meinem Kopf fesseln zu dürfen, sie sagte „ja“, ich antwortete, „nicht mehr heute“, sie lächelte, „nein, nicht mehr heute …“ und die Lust in mir wuchs.

Warten auf den Moment. Als ich ging, gab sie mir einen schnellen, kurzen Kuss und kniff mir fest in den Hintern  und ich, leichtfüßig den Weg zurück, den ich gekommen war; immer noch hitzig und doch matt zugleich, dem Abend entgegen, bald würde es dämmern.

Achtzehn

Worauf es beim Blasen wirklich ankommt – wenn die Bewegung des Kopfes einer heftig stampfenden Kolbenstange gleicht, kann es nur schlimm enden.

Neunzehn

Immer wieder finde ich in meinen alten Tagebüchern die Selbstakte vergangener Frauen. Ein richtiges Kuriositätenkabinett ist das, irgendwie und auch schön, rührselig fast.

Zwanzig

In freier Anlehnung an Andreas Neumeister: Sex und Pop sind zwei elementare Bestandteile des Lebens. Nicht um sonst existiert das Wort „Poppen“.

gelegenheitsprosa – une plaisanterie rabelaisienne

kryptisch1: das ist nach der nacht, wenn gegen fünf uhr morgens wie seit jahren schon die straßenreinigung ihre arbeit vor dem fenster aufnimmt und der morgen seines schönes gesicht ins zimmer schiebt; vor jahren hing an der hausmauer noch die alte reklame eines möbelladens, sie flackerte nicht mehr, die lampen im inneren der buchstaben waren längst abgebrannt, vielleicht auch nur entfernt worden, aber diese buchstaben blieben und erhielten ihre bedeutung jeden tag von neuem, bis irgendwann …

Täglich1: in den straßen, die heiß von der sonne beschienen, ihr netz durch das leben vieler menschen ziehen, riecht es nach asphalt, nach brandigen herzen und schweißüberströmten körpern, die irgendwie nach abkühlung suchen.

kryptisch2: egal ob abends, morgens, tagsüber oder nachts, da waren menschen, die offen ihre lebensfreude vor sich her schoben, da sind menschen, die offen ihre trauer vor sich herschieben, da sind drei worte, die inflationär gebraucht wurden und längst nicht mehr sind, was sie einmal waren, nur noch eine floskel und werden augen erst geöffnet, bleibt hinter dem geräusch von worten, nur leere, denn worte sind zeichen, sind austauschbar und manchmal, sind es menschen auch, selbst wenn es anders sein sollte, könnte, vielleicht –

täglich2: eine frau geht eine belebte straße entlang, sie besitzt einen leichten schritt, trägt ein sommerkleid, hat schöne beine und ein trauriges herz; ihr auftreten eines, das männer dazu verführt, ihr kurz hinterher zu sehen und sich zu fragen, was wäre wenn, ja was wäre wenn, knapp nur im vorübergehen; aber diese frau hat ihren kopf gesenkt, im inneren; sie weicht den blicken anderer menschen aus, nur manchmal, da lässt sie einen zu, einen blick, der für einen kurzen moment in sie dringt, ehe sie sich abwendet – es könnte allerdings auch ein mann sein, der so geht, so lebt. aber vor allem ist es meist ein mensch, sind es zu viele menschen, die in ihrem leben den blick abwenden.

freiheit war nie der weg des geringsten widerstands.

(keine) gelegenheitsprosa – dahlia sagt, ich sage X – abgesang auf dahlia

was Dahlia und ich zuvor gesagt haben.

Dahlia schweigt. Diese Worte gehören Rodeck.

Ich sage, weil ich es besser weiß: Rodeck erwacht, endlich.

An einem Mittwochabend treibt Rodeck die Straßen entlang, seine Schritte folgen keinem bestimmten Muster. Er verbringt etwa eine Stunde damit, zwischen zwei Brücken am Fluss hin und her zu gehen und dabei das Wasser zu beobachten, das an ihm vorüber fließt. Weshalb bin ich eigentlich hier, fragt er sich zwischendurch und lächelt, als er anstelle einer Antwort nur drei kleine Punkte in seinem Kopf auftauchen sah. Drei Punkte am Ende eines Satzes. Was war geschehen? Wer bin ich, aber ich weiß doch wer ich bin. Rodeck, der tot geglaubte und immer noch recht Lebendige. Gehend. Sich bewegend. Durchlebe ich mein Leben in einem Rücklauf oder warte ich auf eine Gelegenheit, der ich mit Vorbereitung begegnen könnte, denn es gibt doch keinen Zufall, murmelte er leise vor sich hin. Nein, ich lebe in der Gegenwart, sagt er laut. Ich denke, ich sollte jetzt endlich ins Kino gehen. Zielstrebig beschleunigt er seinen Gang, hinüber über die Brücke, um die Ecke, ein paarhundert Meter an Häusern entlang und dann ist er da. Hier war ich früher oft, wieso habe ich eigentlich damit aufgehört? Überrascht bleibt er stehen. Vor der großen gläsernen Fassade drängen sich Menschen, Blitzlichtgewitter. Über dem Eingang hängt ein Banner, „Zurück nach Marrakesch“, liest Rodeck laut. Er macht einen Schritt nach vorn, drängt sich an den Wartenden vorbei, passiert die Mauer aus Fotographen, aus Reportern. In eben dem Moment, als sich die Türe schließt, sieht er noch dunkle Schemen hinter dem Glas. „darf ich“, sagt er bestimmt und als wäre es selbstverständlich geht er auf die Tür zu. Er öffnet sie, zwei Männer stellen sich ihm in den Weg. „Haben sie eine Einladung“, fragen sie ihn. „Ich stehe auf der Liste“, er lügt dreist, „wie ist ihr Name?“ – „Rodeck“. Er weiß, dass sie ihm nicht glauben werden, aber, ich will es wenigstens versuchen. Ich will leben. Bewusst. Tun, was ich möchte. Auf eine Premierenfeier gelangen, ohne eingeladen zu sein, Stunden am Fluss spazieren zu gehen. Einen Film zu sehen. Einfach zu leben, ohne die Angst zu vergessen. Zu träumen. Sie werden sich wieder erinnern, wenn sie beginnen in der Gegenwart zu leben, hört er Kuros zu ihm sagen, sie werden wieder alles spüren. Wissen, wann sie schlafen, wissen, dass sie wach sind und wissen, dass alles, was passiert, echt ist. Sie haben Glück Rodeck, wissen sie das? Er hatte den Kopf geschüttelt, nein, das weiß ich nicht. Sie haben Glück Rodeck, gehen sie nach Hause. Wenn sie denken, sie brauchen mich, rufen sie mich an. Aber jetzt kann ich auf meinen Bericht nur schreiben, Gesund. Er hatte ihm zugenickt. Ich wünsche ihnen alles Gute, und ihm die Hand gedrückt. Rodeck hatte noch einen Moment gezögert, aber als er Kuros in die Augen sah, spürte er, dass nur Ehrlichkeit in Ihnen lag. Ehrlichkeit und Mitgefühl. Ich danke ihnen, sagte er, dann ging er. Als er das Gebäude verließ und in die Mittagssonne hinaustrat, hielt er inne. Er atmete tief ein, wieder aus, ein. Ich bin also gesund, hatte er gedacht und auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, dessen Ursprung nur er kannte. Aber etwas hatte sich verändert, denn er blickte die Menschen an, die ihm entgegenkamen und manche lächelten zurück. Ziellos ging er umher, am Fluss spazieren, er saß zwei, vielleicht drei Stunden in einem Cafe. Dann kehrte er an den Fluss zurück. Es ist September, es ist Herbst, es ist Mittwoch und ich werde heute Abend ins Kino gehen.

„Sie stehen nicht auf der Liste“, sagt der eine der beiden. „Gehen sie bitte“. Rodeck lächelt. Es ist nicht wichtig, ob ich auf einer Liste stehe, oder nicht, das weiß er. Die beiden Männer treten einen Schritt auf ihn zu. Bitte gehen sie, wiederholt der Andere. Rodeck bewegt sich nicht.

„Er muss auf keiner Liste stehen“ sagt eine Stimme dahinter.

„Er muss auf keiner Liste stehen, denn er gehört zu mir“ Rodeck erstarrt, er kennt diese Stimme. Monate hat er sie nicht mehr gehört. Er sieht, wie die beiden Männer zur Seite treten.

Dahlia.

In einem cremefarbenen Abendkleid. „Hallo Rodeck“, sagt sie, „komm“.

Träume ich, oder bin ich wach, fragt sich Rodeck. Sie hat mir ihre Hand entgegengestreckt. Wenn ich sie jetzt ergreife, und dann erwache, feststelle, dass ich zu Hause in meinem Bett liege, oder, auf einer Bank sitze, in einem Cafe, oder mich an irgendeinem anderen Platz befinde, nur nicht hier, dann ist es vorbei. Aus und vorbei. „Du siehst wundervoll aus“, sagt er. „Träume ich, oder bin ich wach, Dahlia?“

„Ach Rodeck“ und sie streichelt vorsichtig über sein Gesicht, dann greift sie nach seiner Hand, „mein unverbesserlicher Rodeck, ich musste doch fort. Arbeiten. Dich gesund werden lassen. Komm“

Er schließt die Augen. Ihre Hand fühlt sich warm an. Weich. Wie ich sie zuvor gefühlt habe, er lässt sich von ihr ziehen. Als würde sie sein Zögern spüren, seine unsicheren Schritte, verlangsamt sie ihre Schritte. Ich habe dich vergessen, möchte er sagen. Sie drückt seine Hand fester. „Das ist Rodeck“, hört er sie sagen.

Er schlägt die Augen auf und sieht.

Ich sage, weil ich es besser weiß, Rodeck erwacht. Eine Alternative, wie es im Leben öfter geschehen mag. Ein Abgesang auf Dahlia

An einem Mittwochabend trieb Rodeck die Straßen entlang, unbeirrt und unbewusst, seine Schritte folgten keinem bestimmten Muster. Er verbrachte etwa eine Stunde damit, zwischen zwei Brücken am Fluss hin und her zu gehen und dabei das Wasser zu beobachten, das an ihm vorüber floss. Weshalb bin ich eigentlich hier, fragte er sich zwischendurch und lächelte, als er anstelle einer Antwort nur drei kleine Punkte in seinem Kopf auftauchen sah. Drei Punkte am Ende des Satzes. Was war geschehen? Wer bin ich, aber ich weiß doch wer ich bin. Rodeck, der tot geglaubte und immer noch recht Lebendige. Gehend. Sich bewegend. Durchlebe ich mein Leben in einem Rücklauf oder warte ich auf eine Gelegenheit, der ich mit Vorbereitung begegnen könnte, denn es gibt doch keinen Zufall, murmelte er leise vor sich hin. Das und noch anderes.

Dann, irgendwann, bleibt er stehen. Ich denke, ich sollte ins Kino gehen, habe ich lange nicht mehr gemacht. Zielstrebig dreht er sich auf dem Absatz um und beschleunigt seinen Gang, hinüber über die Brücke, um die Ecke und dann ist er da. Hier war ich früher oft, wieso habe ich eigentlich damit aufgehört? Als er den kleinen Vorraum betritt, fällt sein Blick nicht als erstes auf das Programm, nein, er atmet den Geruch ein, Popcorn, alte Teppiche und die Erwartung großer Dramen lassen ihn lächeln. Langsam nähert er sich der mit den aktuell laufenden Filmen beschriebenen Plakatwand. Hollywoodstreifen, ein Kinderfilm und „Zurück nach Marrakesch“. Ich mag diesen Titel, spürte er in sich, wie oft wollte ich selbst dorthin fahren, dachte sich. Wie oft habe ich einen bereits halb gepackten Koffer wieder entleert, weil mir die Konsequenz meiner Handlung fehlte. Mich stattdessen ans Fenster gesetzt, die Augen geschlossen und vorgegeben zu schlafen. Im Traum von einem anderen Leben geträumt. Träumst du jetzt oder bist du wach, Rodeck? Also zurück nach Marrakesch seufzte er und holte sich eine Karte. Als er den Saal betrat befiel ihn ein unangenehmes, erdrückendes Gefühl, denn niemand war hier, niemand außer ihm. Träumst du schon wieder Rodeck, tauchte dieser Satz in seinem Kopf auf. Er unterdrückte den ersten Impuls, der ihm signalisierte, den Rückzug anzutreten, nein, diesmal fahre ich wirklich nach Marrakesch und sei es nur für zwei Stunden, und sei es nur auf einer Leinwand. Er setzte sich in die Mitte und begann zu warten, es sei noch früh, hatte die Studentin an der Kasse zu ihm gesagt, aber er könne sich gerne im Saal warten, wenn er wolle. Ohne zu wissen warum, hatte Rodeck dankbar genickt. Er legte den Kopf in den Nacken und schloß sie Augen. Die Hände hielt er auf seinen übergeschlagenen Knien gefaltet und dann lauschte er. Wartete. Auf die Anderen? Nein, ich bin wach, wusste er, instinktiv, ich bin wacher, als ich es vielleicht die letzten Jahre war. Langsam begann sich der Saal mit Menschen zu füllen und Rodeck spürte Freude in sich aufsteigen. Freude über den Platz in der Mitte und das Gefühl, unter Menschen zu sein, alles bewusst wahrzunehmen und sich nicht mehr zu fragen, wie es denn nun eigentlich sei, das Leben. Als das Licht ausging und der Vorhang ein letztes Mal zu und wieder aufgegangen war, die Werbungsclips und Filmtrailer waren längst gespielt, wusste Rodeck, gleich würde etwas Außergewöhnliches passieren. „Zurück nach Marrakesch“ flimmerte in einer Hommage der weißen, in leicht abgekratzte Buchstaben verpackte Titel aus dem Schwarz der Leinwand auf die Wartenden herab. Schritte waren zu hören, nicht übermäßig laut, aber es handelte sich deutlich um den Gehrhythmus eines Menschen.

Ich bin auf dem Weg zurück nach Marrakesch, begann eine Stimme zu sprechen, Rodeck erstarrte.

Ich bin auf dem Weg zurück nach Marrakesch, in ein Cafe, in dem alles begann, wiederholte die Stimme. Die Erinnerung brach aus dem Nichts über ihn herein und Rodeck war nun wirklich wach, hellwach, wacher, als er es je nochmals für möglich gehalten hatte. Dahlia. Es war untrüglich ihre Stimme und in einem Moment der Klarheit fragte er sich, ob er nun endgültig wahnsinnig geworden war. Dort werde ich meinem Schicksal ins Auge blicken und es herausfordern, sagte Dahlia. In Marrakesch, in einem kleinen Eckcafe, wo alles begann. Langsam ging das Bild in eine Gangway über, und ihre Füße stiegen die Stufen hinab. Die Kamera fuhr genüsslich an ihren Beinen entlang, näherte sich ihrem Profil über die linke Schulter. Rodeck glaubte, er könne die Hitze des Sandes spüren, der das Bild umgab und sich langsam immer weiter rieselnd auf seine Zunge legte.

Oh Dahlia, wo ist mein letzter Satz geblieben fragte er sich.

***

gelegenheitsprosa – drei wahrheiten aus dem leben eines menschen – teil eins

1. Wahrheit: ist es der wind, oder sind es die blätter, die sich bewegen? dummkopf, es ist dein herz.
Mark wacht auf, es ist vormittags, die Sonne bereits hell und hoch am Himmel, in seinem Bett herrscht Leere, denn es ist niemand hier außer ihm. Er wischt verschlafen die Augen, weiß nicht, was passiert gestern, vorgestern, oder vorvorgestern? ER weiß, dass es gut ist, dass in seinem Bett Leere herrscht, denn nur wo Leere ist, bleibt auch ein Platz, der gefüllt werden kann.Wenn es das Herz ist, dass sich bewegt, was passiert, wenn es aufhört zu schlagen? Verebbt dann der Wind?

2. Wahrheit: die menschen kennen ihre zukunft nicht, aber sie lernen sich selbst kennen.
Mark geht an den Museen spazieren, langsam, Schritt für Schritt, den Kiesweg entlang, er sieht Hunde, ihre Besitzer, sieht Paare, die sich eng umschlungen halten, sieht Paare, zwischen denen Abstand herrscht, aber ein Paar sind diese Menschen dennoch, unverkennbar, denn es ist nicht wichtig, ob man sich eng umschlungen hält, oder Abstand zeigt, solange da ein Mensch ist, der weiß, da ist ein anderer Mensch. Er sieht ein Paar, dass einen Federball über die Wiese schlägt und erinnert sich daran, dass selbst einmal gewollt zu haben – so, wie es war, in den Kindertagen. Er setzt Schritt vor Schritt vor Schritt und atmet tief ein und aus, Schritt vor Schritt vor Schritt bis er irgendwann überrascht bemerkt, dass er zu lächeln begonnen hat.Dass es das Herz ist, das sich bewegt und dass es die Leere ist, die gefüllt werden kann, aber wo kein Platz ist, kann nichts gefüllt werden und dass es gut ist, wenn er alleine diesen Kiesweg entlang geht, lächelnd, Schritt für Schritt für Schritt, weil irgendwie die Leere von ihm abfällt, der Platz, den er gefüllt haben wollte. Es ist das Herz das sich bewegt und … Dass er Paare sieht, und weiß, er war so, ist so, wird wieder so sein, das lässt ihn lächeln, selbst wenn er allein hier geht. Es ist gut allein zu sein, denkt er, denn es ist gut, Zeit für sich zu haben und sich Gedanken zu machen: über den Tag, die Nacht, den Regen, den Wind, das Herz, die Möse und den Schwanz, den Hund und den Kater, das Gestern, Heute, Morgen, über Fehler und richtige Handlungen, über Wahrheit und Lüge, über das, was er ist und das, was er gern sein würde. Mark liest gern. Er isst gern. Er spricht gern.  Er vögelt gern. Er handelt gern. Aber er handelt nicht immer so, wie er eigentlich handeln möchte. Mark ist nicht einsam, selbst wenn er hier allein geht. Mark ist nicht traurig, selbst wenn er hier allein geht. Mark ist eben Mark und wer Mark kennt, der kennt seine Stärken und seine Schwächen. Es ist das Herz, das sich bewegt, denkt er. Meines und das der anderen Menschen und jedes schlägt auf seine eigene Weise und manchmal, da schlagen zwei Herzen im selben Takt und manchmal, da gerät ein Herz aus dem Takt und manchmal, da hört ein Herz auf zu schlagen, manchmal beginnt es wieder. Mark möchte Arzt werden, er möchte ein Herz, das aufgehört hat, zu schlagen, wieder beleben. Er möchte die Welt sehen und seine Tage für sich verbringen, denn Mark ist nicht einsam, selbst wenn er allein ist.

3. Wahrheit: die gegenwart ist die einzige zeit, die uns wirklich gehört

Mark liegt im Bett und hört der Stille zu. Er hört seine Gedanken, die um den Tag kreisen, den er allein verbracht hat, ein schöner Tag, der ihm gezeigt hat, es ist nicht traurig, allein zu sein. Er hört der Stille zu und seinen Gedanken, die um die Nacht kreisen, die anbrechen wird, bald. Nachts ist jeder für sich, die Gedanken sind frei, er denkt an dieses Kinderlied und daran, dass es ihm vorgesungen wurde, früher und auch in jüngerer Vergangenheit. Er hört der Stille zu und seinen Gedanken, die um ihn kreisen und lächelt, er spürt, wie sich die Knoten in ihm auflösen, einer nach dem anderen, spürt, wie die Leichtigkeit zurück in seinen Körper fließt, spürt, wie er loslässt und sein Ich wieder Gestalt annimmt. Ein Ich, von dem er dachte, er habe es irgendwo verlegt, vergessen, vielleicht, ein Ich, von dem er nicht wusste, dass es noch da ist. Mark ist einer, der sich selbst liebt, aber auch andere, aber nie ohne Grund und nicht mehr grenzenlos. Er hört der Stille zu und der Leere in seinem Bett, dem Flüstern aus der Vergangenheit, und dass es gut ist, dass er hier allein liegt, denn es ist nicht schlimm, allein zu sein, denn nur im Alleinsein wird Platz für Zwei geboren. Er hört der Stille zu und dem Raunen der Vergangenheit, die ihn umfängt und lacht sie aus, die Vergangenheit, er lacht, weil er weiß, dass er es nicht mehr ändern kann, dass er es nicht mehr ändern will und weil er weiß, dass er die Gegenwart stattdessen bilden will, seine Gegenwart und die von anderen Menschen, die ihn umgeben, deren Gegenwarten, die ihn ändern, wenn er es will und manchmal auch, wenn er es nicht will, aber nie so, wie es die Vergangenheit getan hat. Er springt auf, aus dem Bett heraus, aus der Vergangenheit heraus und denkt daran, die Gegenwart ist die einzige Zeit, die uns wirklich gehört und manchmal denkt er, dass es schön wäre, wenn da ein anderer Mensch in seiner Gegenwart wäre. Er erinnert sich an die Museen und an die Paare, die eng umschlungenen und die nicht so eng umschlungenen und dann lächelt er, denn er war so, ist so und wird wieder so sein, denn da ist ein bestimmter Mensch in seinem Leben und noch einer und noch einer und sogar noch ein vierter, je länger er darüber nachdenkt, desto mehr werden es – morgen, sagt Mark, freue ich mich darauf, allein zu sein und legt sich wieder ins Bett.

gelegenheitsprosa – stillleben

Wind im gelb-grünen Gras, das zwischen ihren Zehen kitzelte, die Sonne brannte dennoch und aus der Entfernung war das Geschrei von Kindern zu hören. EIn Schmetterling flog vorüber, war sich nicht bewusst, dass sein Leben nur diesen einen, kurzen Sommer dauern würde; er flog schöne Bahnen und ließ sich einen Moment zwischen ihnen nieder, sie schwiegen; da waren viele Worte gewesen, die gesagt blieben und noch viel mehr, die ungesagt bleiben musste, fürs erste.

Wind im gelb-grünen Gras, das zwischen ihren Zehen kitzelte, zwei Finger, die sich zaghaft berührten, zwei Zehen, die miteinander Kontakt aufnahmen, zwei Köpfe, die sich zueinander wandten, zwei Menschen. Sie sagte, dass sie auf den Regen warte, der ihr heißes Herz endlich abkühlen würde, dass es wichtig wäre, sich abzukühlen und viel zu trinken, an einem solchen Tag, er nickte, machte “hm” und hielt seine Augen geschlossen, spürte die Spitze ihres Fingers mit dem sie seine Hand entlangstrich, der Wind ließ nach, die Sonne brannte heiß.

Sie sagte, dass sie es nicht ertrüge, so nah an ihm zu liegen, dass es ihr zu heiß wäre und er machte “hm”, hielt die Augen geschlossen und wartete darauf, dass ihr Finger von seinem Handrücken verschwände, Wind, der aufgehört hatte zu sein, er hörte, wie sie sich ein Stückchen von ihm weglegte, aber der Finger blieb. Der Schmetterling ließ sich auf ihrem Bauch nieder, den sie der Sonne entgegenstreckte, der  Bauch, dessen Wärme er kannte und gern mochte, der weiche Bauch, auf den er gern seinen Kopf gelegt hätte, sie sagte, der Schmetterling würde kitzeln, wie das Gras zwischen ihren Zehen.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne, er hob den Kopf, sie sagte, dass es endlich bald regnen würde.

Er machte “hm”, spürte, wie ihr Finger den Kontakt zu seiner Hand verlor, vielleicht, weil er sich unbedacht aufgesetzt hatte, vielleicht, weil es genug war, für diesen Moment, vielleicht, weil es bald regnen würde, vielleicht, weil die Sonne heiß auf sie niedergebrannt hatte und ihr Herz erhitzt war, die Wolke wurde größer.

Sie saßen, lagen, eine Mischung aus beidem, wie es nur zwei Körper zusammen fertig bringen, unter einem dichtbelaubten Baum und sahen dem Regen zu, ab und an tropfte es durch die Blätter auf sie herunter. Er strich über ihren Kopf, den sie auf seinen Bauch gelegt hatte. Er sagte, dass sie ein Stillleben wären, in diesem Sommer und sie machte, “hm”, hielt ihre Augen geschlossen, genoss die langsam streichelnde Fingerspitze an ihrem Haaransatz.

Regen fiel und sie saßen, ob es nicht besser wäre, zu gehen, sich zu bewegen, fragte sie, ihre Beine wären eingeschlafen und er half ihr auf, stützte sie und sie gingen langsam los, durch den Sommerregen, ob es die ganze Nacht regnen würde, sie sagte, hoffentlich, dachte, mein erhitztes Herz könnte endlich abkühlen und er sprang von einer Pfütze in die nächste, warmes Regenwasser spritzte an seinen nackten Unterschenkeln hoch und ihr T-Shirt lag eng an ihrem Oberkörper, hob ihre Weiblichkeit hervor und er machte “hm”.

Regen fiel, als sie einschliefen, nebeneinander in einem Bett, aber nicht ineinander verschlungen, sie spürte seinen Körper und war froh, dass er Abstand hielt, ihre Zeit ließ, abzukühlen. Er hörte ihren ruhigen Atem, ab und an zuckte ein Arm, ein Bein, sie veränderte ihre Position, wovon sie träumen mochte? Es dauerte eine lange Regennacht, die fast ins Morgengrauen überging, bis er endlich die Augen schloss. Im Schlaf war sie näher gekommen, vorsichtig, die Decke war von ihr abgeglitten. Er sah sie, strich ihr vorsichtig über den Kopf, um sie nicht aufzuwecken, dann drehte er sich auf die andere Seite , in seinem Innern ein erhitztes Herz, das ihn gleichmäßig in den Schlaf pochte.

Am Morgen lag er lange im Bett, hörte sie bereits in der Küche, roch frischen Kaffee, wusste, das Stillleben war vorüber, als er die Beine über die Bettkante schwang und setzte sich mit einem Lächeln zu ihr an den Tisch, sie goss ihm eine Tasse Kaffee ein, sagte, es gäbe nur Sahne, keine Milch, er machte, “hm”, wusste, sie wollte an diesem Morgen nicht viel reden. Worte, die gesagt waren, Worte, die ungesagt blieben fürs Erste.

Ehe er ging, fragte er nach der Hitze in ihrem Herz, sie lächelte, sagte, es würde gehen, es wäre gut, dass es geregnet hätte. Auf dem Weg nach Hause sprang er von Pfütze zu Pfütze, es hatte abgekühlt, über Nacht, aber er fror nicht, trug ihre Hitze in sich, und versprach, gut darauf acht zu geben, wenn sie käme, frierend, um sie wärmen.

Sie hatte gelächelt, als er ging, hatte ihren Kopf kurz an seine Brust gelegt, küsste ihn einmal, zweimal. Wusste, sie würde ihn wiedersehen, wusste, er würde die Hitze, die sie ihm gegeben hatte, gut verwahren. Sie sah ihm hinterher, wie er das Treppenhaus hinunter stürmte und dachte daran, was es heute für sie zu tun galt, kehrte in ihr Zimmer zurück, sah die Kuhle, die der Abdruck seines Kopfes im Kissen hinterlassen hatte und spürte, wie ihr Herz wieder heiß wurde. Es war gut, dass es geregnet hatte, dachte sie und wie er mit einem Lächeln in die Pfützen gesprungen war.

Vom Fenster aus sah sie ihm hinterher, bis er um die Ecke verschwunden war. Legte eine Hand auf ihr Herz und spürte, wie es sie gleichmäßig pochend durch den Tag tragen würde.