was Dahlia und ich zuvor gesagt haben.
Dahlia schweigt. Diese Worte gehören Rodeck.
Ich sage, weil ich es besser weiß: Rodeck erwacht, endlich.
An einem Mittwochabend treibt Rodeck die Straßen entlang, seine Schritte folgen keinem bestimmten Muster. Er verbringt etwa eine Stunde damit, zwischen zwei Brücken am Fluss hin und her zu gehen und dabei das Wasser zu beobachten, das an ihm vorüber fließt. Weshalb bin ich eigentlich hier, fragt er sich zwischendurch und lächelt, als er anstelle einer Antwort nur drei kleine Punkte in seinem Kopf auftauchen sah. Drei Punkte am Ende eines Satzes. Was war geschehen? Wer bin ich, aber ich weiß doch wer ich bin. Rodeck, der tot geglaubte und immer noch recht Lebendige. Gehend. Sich bewegend. Durchlebe ich mein Leben in einem Rücklauf oder warte ich auf eine Gelegenheit, der ich mit Vorbereitung begegnen könnte, denn es gibt doch keinen Zufall, murmelte er leise vor sich hin. Nein, ich lebe in der Gegenwart, sagt er laut. Ich denke, ich sollte jetzt endlich ins Kino gehen. Zielstrebig beschleunigt er seinen Gang, hinüber über die Brücke, um die Ecke, ein paarhundert Meter an Häusern entlang und dann ist er da. Hier war ich früher oft, wieso habe ich eigentlich damit aufgehört? Überrascht bleibt er stehen. Vor der großen gläsernen Fassade drängen sich Menschen, Blitzlichtgewitter. Über dem Eingang hängt ein Banner, „Zurück nach Marrakesch“, liest Rodeck laut. Er macht einen Schritt nach vorn, drängt sich an den Wartenden vorbei, passiert die Mauer aus Fotographen, aus Reportern. In eben dem Moment, als sich die Türe schließt, sieht er noch dunkle Schemen hinter dem Glas. „darf ich“, sagt er bestimmt und als wäre es selbstverständlich geht er auf die Tür zu. Er öffnet sie, zwei Männer stellen sich ihm in den Weg. „Haben sie eine Einladung“, fragen sie ihn. „Ich stehe auf der Liste“, er lügt dreist, „wie ist ihr Name?“ – „Rodeck“. Er weiß, dass sie ihm nicht glauben werden, aber, ich will es wenigstens versuchen. Ich will leben. Bewusst. Tun, was ich möchte. Auf eine Premierenfeier gelangen, ohne eingeladen zu sein, Stunden am Fluss spazieren zu gehen. Einen Film zu sehen. Einfach zu leben, ohne die Angst zu vergessen. Zu träumen. Sie werden sich wieder erinnern, wenn sie beginnen in der Gegenwart zu leben, hört er Kuros zu ihm sagen, sie werden wieder alles spüren. Wissen, wann sie schlafen, wissen, dass sie wach sind und wissen, dass alles, was passiert, echt ist. Sie haben Glück Rodeck, wissen sie das? Er hatte den Kopf geschüttelt, nein, das weiß ich nicht. Sie haben Glück Rodeck, gehen sie nach Hause. Wenn sie denken, sie brauchen mich, rufen sie mich an. Aber jetzt kann ich auf meinen Bericht nur schreiben, Gesund. Er hatte ihm zugenickt. Ich wünsche ihnen alles Gute, und ihm die Hand gedrückt. Rodeck hatte noch einen Moment gezögert, aber als er Kuros in die Augen sah, spürte er, dass nur Ehrlichkeit in Ihnen lag. Ehrlichkeit und Mitgefühl. Ich danke ihnen, sagte er, dann ging er. Als er das Gebäude verließ und in die Mittagssonne hinaustrat, hielt er inne. Er atmete tief ein, wieder aus, ein. Ich bin also gesund, hatte er gedacht und auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, dessen Ursprung nur er kannte. Aber etwas hatte sich verändert, denn er blickte die Menschen an, die ihm entgegenkamen und manche lächelten zurück. Ziellos ging er umher, am Fluss spazieren, er saß zwei, vielleicht drei Stunden in einem Cafe. Dann kehrte er an den Fluss zurück. Es ist September, es ist Herbst, es ist Mittwoch und ich werde heute Abend ins Kino gehen.
„Sie stehen nicht auf der Liste“, sagt der eine der beiden. „Gehen sie bitte“. Rodeck lächelt. Es ist nicht wichtig, ob ich auf einer Liste stehe, oder nicht, das weiß er. Die beiden Männer treten einen Schritt auf ihn zu. Bitte gehen sie, wiederholt der Andere. Rodeck bewegt sich nicht.
„Er muss auf keiner Liste stehen“ sagt eine Stimme dahinter.
„Er muss auf keiner Liste stehen, denn er gehört zu mir“ Rodeck erstarrt, er kennt diese Stimme. Monate hat er sie nicht mehr gehört. Er sieht, wie die beiden Männer zur Seite treten.
Dahlia.
In einem cremefarbenen Abendkleid. „Hallo Rodeck“, sagt sie, „komm“.
Träume ich, oder bin ich wach, fragt sich Rodeck. Sie hat mir ihre Hand entgegengestreckt. Wenn ich sie jetzt ergreife, und dann erwache, feststelle, dass ich zu Hause in meinem Bett liege, oder, auf einer Bank sitze, in einem Cafe, oder mich an irgendeinem anderen Platz befinde, nur nicht hier, dann ist es vorbei. Aus und vorbei. „Du siehst wundervoll aus“, sagt er. „Träume ich, oder bin ich wach, Dahlia?“
„Ach Rodeck“ und sie streichelt vorsichtig über sein Gesicht, dann greift sie nach seiner Hand, „mein unverbesserlicher Rodeck, ich musste doch fort. Arbeiten. Dich gesund werden lassen. Komm“
Er schließt die Augen. Ihre Hand fühlt sich warm an. Weich. Wie ich sie zuvor gefühlt habe, er lässt sich von ihr ziehen. Als würde sie sein Zögern spüren, seine unsicheren Schritte, verlangsamt sie ihre Schritte. Ich habe dich vergessen, möchte er sagen. Sie drückt seine Hand fester. „Das ist Rodeck“, hört er sie sagen.
Er schlägt die Augen auf und sieht.
Ich sage, weil ich es besser weiß, Rodeck erwacht. Eine Alternative, wie es im Leben öfter geschehen mag. Ein Abgesang auf Dahlia
An einem Mittwochabend trieb Rodeck die Straßen entlang, unbeirrt und unbewusst, seine Schritte folgten keinem bestimmten Muster. Er verbrachte etwa eine Stunde damit, zwischen zwei Brücken am Fluss hin und her zu gehen und dabei das Wasser zu beobachten, das an ihm vorüber floss. Weshalb bin ich eigentlich hier, fragte er sich zwischendurch und lächelte, als er anstelle einer Antwort nur drei kleine Punkte in seinem Kopf auftauchen sah. Drei Punkte am Ende des Satzes. Was war geschehen? Wer bin ich, aber ich weiß doch wer ich bin. Rodeck, der tot geglaubte und immer noch recht Lebendige. Gehend. Sich bewegend. Durchlebe ich mein Leben in einem Rücklauf oder warte ich auf eine Gelegenheit, der ich mit Vorbereitung begegnen könnte, denn es gibt doch keinen Zufall, murmelte er leise vor sich hin. Das und noch anderes.
Dann, irgendwann, bleibt er stehen. Ich denke, ich sollte ins Kino gehen, habe ich lange nicht mehr gemacht. Zielstrebig dreht er sich auf dem Absatz um und beschleunigt seinen Gang, hinüber über die Brücke, um die Ecke und dann ist er da. Hier war ich früher oft, wieso habe ich eigentlich damit aufgehört? Als er den kleinen Vorraum betritt, fällt sein Blick nicht als erstes auf das Programm, nein, er atmet den Geruch ein, Popcorn, alte Teppiche und die Erwartung großer Dramen lassen ihn lächeln. Langsam nähert er sich der mit den aktuell laufenden Filmen beschriebenen Plakatwand. Hollywoodstreifen, ein Kinderfilm und „Zurück nach Marrakesch“. Ich mag diesen Titel, spürte er in sich, wie oft wollte ich selbst dorthin fahren, dachte sich. Wie oft habe ich einen bereits halb gepackten Koffer wieder entleert, weil mir die Konsequenz meiner Handlung fehlte. Mich stattdessen ans Fenster gesetzt, die Augen geschlossen und vorgegeben zu schlafen. Im Traum von einem anderen Leben geträumt. Träumst du jetzt oder bist du wach, Rodeck? Also zurück nach Marrakesch seufzte er und holte sich eine Karte. Als er den Saal betrat befiel ihn ein unangenehmes, erdrückendes Gefühl, denn niemand war hier, niemand außer ihm. Träumst du schon wieder Rodeck, tauchte dieser Satz in seinem Kopf auf. Er unterdrückte den ersten Impuls, der ihm signalisierte, den Rückzug anzutreten, nein, diesmal fahre ich wirklich nach Marrakesch und sei es nur für zwei Stunden, und sei es nur auf einer Leinwand. Er setzte sich in die Mitte und begann zu warten, es sei noch früh, hatte die Studentin an der Kasse zu ihm gesagt, aber er könne sich gerne im Saal warten, wenn er wolle. Ohne zu wissen warum, hatte Rodeck dankbar genickt. Er legte den Kopf in den Nacken und schloß sie Augen. Die Hände hielt er auf seinen übergeschlagenen Knien gefaltet und dann lauschte er. Wartete. Auf die Anderen? Nein, ich bin wach, wusste er, instinktiv, ich bin wacher, als ich es vielleicht die letzten Jahre war. Langsam begann sich der Saal mit Menschen zu füllen und Rodeck spürte Freude in sich aufsteigen. Freude über den Platz in der Mitte und das Gefühl, unter Menschen zu sein, alles bewusst wahrzunehmen und sich nicht mehr zu fragen, wie es denn nun eigentlich sei, das Leben. Als das Licht ausging und der Vorhang ein letztes Mal zu und wieder aufgegangen war, die Werbungsclips und Filmtrailer waren längst gespielt, wusste Rodeck, gleich würde etwas Außergewöhnliches passieren. „Zurück nach Marrakesch“ flimmerte in einer Hommage der weißen, in leicht abgekratzte Buchstaben verpackte Titel aus dem Schwarz der Leinwand auf die Wartenden herab. Schritte waren zu hören, nicht übermäßig laut, aber es handelte sich deutlich um den Gehrhythmus eines Menschen.
Ich bin auf dem Weg zurück nach Marrakesch, begann eine Stimme zu sprechen, Rodeck erstarrte.
Ich bin auf dem Weg zurück nach Marrakesch, in ein Cafe, in dem alles begann, wiederholte die Stimme. Die Erinnerung brach aus dem Nichts über ihn herein und Rodeck war nun wirklich wach, hellwach, wacher, als er es je nochmals für möglich gehalten hatte. Dahlia. Es war untrüglich ihre Stimme und in einem Moment der Klarheit fragte er sich, ob er nun endgültig wahnsinnig geworden war. Dort werde ich meinem Schicksal ins Auge blicken und es herausfordern, sagte Dahlia. In Marrakesch, in einem kleinen Eckcafe, wo alles begann. Langsam ging das Bild in eine Gangway über, und ihre Füße stiegen die Stufen hinab. Die Kamera fuhr genüsslich an ihren Beinen entlang, näherte sich ihrem Profil über die linke Schulter. Rodeck glaubte, er könne die Hitze des Sandes spüren, der das Bild umgab und sich langsam immer weiter rieselnd auf seine Zunge legte.
Oh Dahlia, wo ist mein letzter Satz geblieben fragte er sich.
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